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Gazette 131: Texte Autor: Hugo Neuhaus-Gétaz
Bearbeitet: 26.07.2016
Elsass-Gazette Nr. 131 Januar 2016

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  • Inhaltsverzeichnis
    Leitartikel Robert Heuss
    Ausschreibung Generalversammlung 17. März 2016
    Ausschreibung Déjeuner Culinaire 26. Febr. 2016
    Ausschreibung „Oberlauf von Mosel und Thur“ 28. April 2016
    Bericht „Das andere Dreiländereck“ Regula Adam
    Bericht „Literarischer Abend“ Regula Adam
    Bericht „Weihnachtsanlass“ Jürg Burkhardt
    „DreylandDichterweg“ auf der Zielgeraden Ursula Schmitt
    Bahn Saint-Louis-Basel Hans-Jörg Renk
    Drei Frauen + drei Länder = „Dreiland News“ Hans-Jörg Renk
    Buchbesprechung Marc Grodwohl, „Archäologie eines Sundgauer Dorfes“ (Lutter) Hans-Jörg Renk
    André Futterknecht, 21.10.1925 – 29.09.2015
    Buchbesprechung Gérard Leser, „Kriegstagebuch von Louis Schweitzer“ Hans-Jörg Renk
    Buchbesprechung Edith Schweizer-Völker: „Fasnacht ohne Grenzen“ Jürg Burkhardt
    CDs „fedreliicht - drill di“ Ursula Schmitt

Ein Klick auf das kleine Dreieck führt Sie direkt zum entsprechenden Text.


  • Leitartikel
    von Robert Heuss, Präsident

    Liebe Elsass-Freundinnen und Elsass-Freunde
    Frankreich verändert sich, allen voran das Elsass. Und das nicht nur zur Freude der elsässischen Bevölkerung, die zunehmend erbittert erscheint über die Untätigkeit ihrer Politiker in Paris und über die Tatsache, dass die Grossregion ACAL (Alsace - Champagne – Ardenne - Lorraine) auf den 1. Januar 2016 Realität geworden ist. Zwar ist die Hauptstadt der neuen Grossagglomeration mit 5,4 Mio. Einwohnern und einer Fläche von 57'400 km2 (d.h. sie ist 39% grösser als die Schweiz!) noch nicht bestimmt. Aber auch wenn sie Strassburg heissen sollte, wird das Elsass mit seiner eigenen Sprache und Kultur marginalisiert und seiner Eigenständigkeit beraubt. Es wird schwierig werden, die eigene Identität als Lebensgrundlage zu erhalten. Dies ist wesentlich mehr als die Folklore in den Weindörfern, in den Confréries und in Fotobänden. Sie setzt die Pflege der eigenen Sprache voraus, die notabene nicht nur ein unverwechselbares Kulturgut ist, sondern für Zehntausende von Grenzgängern nach Deutschland und der Schweiz die Lebensgrundlage bildet.

    Weshalb sind Sie Mitglied der Elsass-Freunde? Gewiss, weil uns allen das Elsass als benachbarte Region sympathisch ist, ja am Herzen liegt und weil wir den elsässischen Dialekt unserer gemeinsamen alemannischen Sprache, die Landschaft, den Wein, die Gastronomie schätzen. Gewiss aber auch, weil wir die Möglichkeit bieten, sechs Mal im Jahr einen Ausflug mit jeweils einem besonderen, abwechslungsreichen Programm zu unternehmen (dazu noch einen ins Badische, einen in die Nordwestschweiz und als Sahnehäubchen einen Literarischen Abend). Für den Vorstand ist es eine Freude, wenn auch der Aufwand nicht zu unterschätzen ist, diese Anlässe zu organisieren, da die Belohnung durch eine hohe Teilnehmerzahl jeweils nicht ausbleibt. Auch im vergangenen Jahr waren praktisch alle Plätze ausgebucht. Für dieses Interesse danke ich ihnen und freue mich, wenn Sie auch bei den diesjährigen Ausflügen uns die Treue halten (oder sich erstmals zur Teilnahme entschliessen) und mit uns das immer wieder überraschende Elsass erkunden.

    Hoffen wir, dass das Elsass seinen eigenständigen Weg in der Grande Nation beibehalten und seine Kultur erhalten kann. Wir können wenig dazu beitragen, aber die elsässische Kultur zumindest in unseren Herzen weitertragen und die Kontakte ins Elsass und mit Elsässern weiterpflegen, damit deren Kontakte nach Süden erhalten bleiben und sie nicht nur auf den Nordwesten fixiert sind.

    Ich wünsche Ihnen ein gesundes, erfülltes 2016 mit hoffentlich guten Begegnungen und schönen Ausflügen ins Elsass.

    Ihr Präsident
    Robert Heuss


  • Generalversammlung 2016
    Ausschreibung von Robert Heuss

    Datum: Donnerstag, 17. März 2016,
    17:00 – 19:00 Uhr
    Ort: Le Triangle in Huningue,
    3 Rue de Saint-Louis

    Le Triangle ist eine moderne Veranstaltungshalle der Stadt Huningue, erreichbar mit dem Distribus 603 von der Schifflände (angeschrieben Village-Neuf) (Schifflände ab: 15:54 oder 16:18, Ankunft ‚Soustons’ 16:09 oder 16:33, Rückfahrt: 18:57 oder [letzte Gelegen-heit!] 20:07, Schifflände an: 19:15 oder 20:25). Das im Bus gelöste Billett kostet pro Fahrt € 1.30, beim BVB-Automaten gelöst Fr. 4.40, bzw. mit U-Abo Fr. 3.60! Also im Bus bezahlen!
    Von der Bushaltestelle zum Triangle sind es nicht mehr als 5’ zu Fuss. Der Weg ist ausgeschildert. Wer einen Transport benötigt, möge sich beim Präsidenten melden.

    Wir haben seit längerem die Tradition, unsere Generalversammlung abwechselnd in einem der drei Länder unserer Region durchzuführen. Nachdem wir vor zwei Jahren auf dem Gundeldingerfeld bei ‚Unser Bier’ und letztes Jahr in Weil a/Rh waren, ist nun wieder das Elsass an der Reihe. Wir haben uns für Huningue entschieden, weil wir mit den Behörden dieser Stadt seit längerem in engem und fruchtbarem Kontakt stehen: Der Dreyland Dichterweg steht vor der Voll-endung, ein Projekt, das Huningue und Basel noch enger verbinden wird. Wir haben deshalb auch den Maire, Herrn Jean-Marc Deichtmann, eingeladen, einige Worte über die Beziehungen zwischen diesen beiden Städten an uns zu richten (siehe auch Seiten 23 – 25).

    Nach der trotz Wahlen kurz gehal-tenen Generalversammlung, um-rahmt von einer aus Huningue stammenden Musikgruppe, wird Herr Dr. Patrick Leypoldt, Leiter der Geschäftsstelle Agglomerationspro-gramm Basel, über den öffentlichen Verkehr in der Grenzregion sprechen. Anschliessend offerieren wir einen Apéro.


  • Déjeuner Culinaire
    Ausschreibung von Robert Heuss

    Datum: Freitag, 26. Februar 2016
    Besammlung: 11:00h, Basel, Bahnhof Süd,Meret Oppenheim-Strasse
    verantwortlich: Robert Heuss
    Teilnehmerzahl: 26-52
    Abfahrt / Rückkehr: 11:15h Abfahrt, Rückkehr ca. 16 Uhr
    Mittagessen: Restaurant Studerhof in Bettlach
    Kosten: 90 CHF
    Anmeldeschluss: Samstag, 30. Januar 2016

    Auch dieses Jahr haben wir wiederum einen elsässischen Gastronomie-Betrieb gefunden, der seit mehreren Generationen von derselben Familie betrieben wird. Es ist der in Basel nicht ganz unbekannte Studerhof in Bettlach, wo wir ein Déjeuner Campagnard-Sundgauvien serviert bekommen werden, begleitet von Erklärungen über die Geschichte des Hauses, über das Menu, die Weine, über Bettlach und die Confrérie de la Choucroute. Das Menu sieht so aus:

    Salade folle
    Salade verte, saumon fumé* ou jambon cru*, champignons, croutons, noix
    -
    Contre-filet cuit en basse température
    Jus de cuisson, garniture Clamart,
    Pommes dauphines ou pommes frites
    -
    Parfait glacé „fait maison“ (nougatine et Grand Marnier)
    Coulis de fruits rouges
    Tuile dentelle
    -
    Café

    Weine : Pinot blanc AOC; Wolfsberger Eguisheim
    Côtes de Roussilon; Domaine Boudau AOC

    Im Preis inbegriffen sind :
    - Busfahrt, Organisation und Trinkgelder
    - Apéro und Mittagessen mit drei Gängen
    - Zu jedem Gang der passende Weiss- oder Rotwein
    - Mineralwasser, Café oder Tee


  • An den Oberlauf von Mosel und Thur
    Ausschreibung von Peter Obrist

    Datum: Donnerstag, 28. April 2016
    Besammlung: 08.15h, Abfahrt pünktlich um 08.30 Uhr
    Treffpunkt: Bushalt Meret Oppenheim-Str. hinter dem Bahnhof
    Rückkehr: ca. 18.15 Uhr
    Reiseleitung: Daniel Braun und Peter Obrist
    Teilnehmerzahl: maximal 55 Personen
    Kosten: CHF 95.00
    Anmeldeschluss: Donnerstag, den 31. März 2016


    Das ist die Geschichte der beiden ungleichen Vogesen-Schwestern Thur und Mosel, deren Quellen nur gerade 15 km Luftlinie auseinanderliegen. Während die Thur nach bloss 53 Kilometern von der Ill geschluckt wird und in der Anonymität verschwindet, brachte es die Mosel auf ihrem langen Weg nach Koblenz zu Weltruhm.

    Zwar haben Ingenieure die junge Thur in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts schon nach kaum zehn Kilometern mit einem Staudamm gebändigt, um vor allem den Abfluss nach der Schnee-schmelze zu regulieren. Aber der daraus entstandene Lac de Kruth-Wildenstein ist eigentlich die einzige Attraktion, welche die Thur dem Naturfreund bieten kann.

    Wichtigste Gemeinde an ihrem Oberlauf ist das Städtchen Thann, dem wir an diesem Tag einen längeren Besuch abstatten. Das Münster St. Theobald mit seinen prächtigen Sandsteinfiguren, Glas-fenstern und Heiligenfiguren wetteifert mit Strassburg und Colmar um den ersten Platz von Prunkstücken Oberrheinischer Gotik im Elsass. In einer eher unrühmlichen Rangliste belegt Thann eindeutig den Spitzenplatz:
    Nirgendwo im Elsass wurde im Spätmittelalter der Scheiterhaufen so oft entfacht, um Hexen und Ketzer zu verbrennen. Der Hexenturm in der ehemaligen Stadtmauer erinnert zwar noch an das dunkle Kapitel der Stadtgeschichte, beherbergt aber in der Zwischenzeit ein kleines Museum über den elsässischen Weinbau, was nicht nur die Elsass-Freunde viel sympathischer finden dürften.

    Sowohl die Mosel wie auch die Thur sind keine Elsässer Töchter: Sie entspringen haarscharf westlich der Departements-Grenze, fliessen also durch lothringisches Territorium. Während aber die Thur als munterer Bach von den steilen Hängen des Rainkopfs Richtung Süden – und damit ins Elsass – sprudelt, fliesst die junge Mosel gemächlich den Col du Bussang hinunter.

    Wer auf der Fahrt über diesen kleinen Übergang (727m) den Abzweiger nach der Passhöhe übersieht, verpasst den Ort, wo ein Rinnsal aus einer Granitmauer fliesst, die mit „Source de la Moselle“ beschildert ist.

    Wir aber finden den Weg und begleiten die Mosel auf einem kurzen Spaziergang bis zu unserem Restaurant in Bussang.

    Dass die Mosel mehr als die Hälfte ihres 550km langen Weges bis zur Mündung in den Rhein durch Frankreich fliesst, ist vielen Leuten nicht bewusst. Beim Stichwort „Mosel“ denken sie an enge Fluss-Schlingen und Windungen, an alte Städte wie Trier oder Cochem, an romantische Burgen und Schlösser, an steile Rebberge und liebliche Weissweine wie den „Kröver Nacktarsch“ oder die „Zeller Schwarze Katz“. Das sind die berühmten Attribute der deutschen Mosel, die unmittelbar hinter dem luxemburgischen Schengen –genau, diesem Schengen – beginnt und rund 35km lang die natürliche Grenze zwischen Luxemburg und Deutschland bildet. Wir aber versuchen in Bussang etwas mehr zu erfahren über den obersten Teil der Mosel von der Quelle bis zu den ersten grösseren Städten Remiremont und Epinal. In diesem Abschnitt gibt es zwar keinen Wein, aber zu unserem Essen auf lothringischem Boden finden wir bestimmt einen guten Elsässer Tropfen.

    Der geneigte Leser hat natürlich gemerkt, dass für diesen Ausflug noch längst nicht alles in trockenen Tüchern ist und die Autoren darum in ihren Ausführungen oft sehr un-verbindlich waren. Wir versprechen Ihnen aber, dass sich das bis zum 28. April 2016 ändern wird; melden Sie sich also zuversichtlich an für die Reise zu Mosel und Thur, auch wenn Sie zumindest eine halbe Katze im Sack kaufen.


  • Grenzsteine und Keramik
    von Regula Adam
    Am 23. Oktober fahren wir am Morgen im vollbesetzten Bus durch die nebelverhangene Gegend in Richtung Ajoie, dem geschichtsträchtigen Landeszipfel im Ersten Weltkrieg. Während der Fahrt begrüsst uns Mitorganisator Jürg Schär und gibt uns einen kurzen geschichtlichen Überblick zum Kriegsbeginn in dieser Gegend. Dazu wird uns eine Broschüre zur Kriegsdokumentation im Sundgau und Pruntruter Zipfel ausgehändigt. Mit Fotos, Landkarten, Skizzen und Zeitdokumenten werden darin die zahlreichen Erinnerungsorte anschaulich vorgestellt.
    In Courgenay im „Hotel de la Gare“ trinken wir den obligaten Kaffee in dem Saal, wo einst die legendäre Gilberte de Courgenay die vielen Soldaten mit ihrer herzlichen Gast-lichkeit bezauberte.

    Im renovierten Saal hängen viele alte Fotos dieser Kriegszeit. Anschliessend fahren wir mit dem Bus nach Bonfol. Hier teilt sich unsere Reisegruppe in eine „Marschtüchtige“ und in eine „Keramikinteressierte“.

    La Borne des trois Puissances
    von Eric Adam
    Vorgängig der Visite des Dreiländersteins treffen wir unseren Führer André Dubail bei der Mairie de Pfefferhouse. Die Fahrt führt über Beurneveysin (der dortige Kreisel ist mit dem Bus kaum passierbar) über einen schmalen Waldweg zum geschichtsträchtigen Dreiländerstein, wo auch noch der Bürgermeister Daniel Egloff von Beurneveysin zu uns stösst. Nach kurzem Marsch entlang eines Waldbiotops erreichen wir den „Dreiländerstein“, welcher aus einer Ansammlung von verschiedenen Grenzsteinen unterschiedlichen Erstellungsdatums besteht. La Borne des trois Puissances war der Kilometer 0 der Westfront. Hier sind Grenzsteine, welche sich auf die nach dem deutsch-französischen Krieg gültige Grenze beziehen. Zwischen Luxemburg und dem Dreiländereck wurde ca. alle 100 Meter ein Grenzstein gesetzt, daraus ergab sich der Stein1 an der luxemburgischen Grenze und der Stein 4056 am Dreiländereck.
    Vor dem ersten Weltkrieg kamen hier die drei Länder Frankreich, Deutschland und die Schweiz zusammen. An diesem geschichtsträchtigen Punkt waren keine grossen kriegerischen Auseinandersetzungen zu beklagen, sondern auch friedliche Zusammentreffen der „Grenzwächter“, wie zum Beispiel im Jahre 1910, zu vermelden.

    Die Gegend um das Dreiländereck ist mit diversen alten Befestigungsbauten versehen, wie Beobachtungsposten der Schweizerarmee beim Larghof, einem deutschen MG-Stand bei der Largbrücke sowie der Villa Agathe (französische Befestigungswerk aus Eisenbeton mit Maschinengewehren). Der Verein „Les Amis du KM Zéro“ bemüht sich,

    diese geschichtlichen „Zeitdokumente“ zu unterhalten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Auf dem Rückweg holen wir die Gruppe „Keramik“ in Bonfol ab und passieren beim Zoll die Wasserscheide. In der Mehrzweckhalle von Pfefferhouse empfängt uns der Bürgermeister Jean-Rodolphe Frisch zum Apéro.

    Töpfermuseum in Bonfol
    Vor dem Töpfer-Museum in Bonfol, dem ehemaligen alten Schulhaus, empfängt uns Felicitas Holzgang, Töpfermeisterin in Bonfol, und führt uns in den grossen Saal im Erdgeschoss. Hier wird in einer Sonderausstellung Essgeschirr im Wandel der Zeit gezeigt. So lernen wir: Der erste Teller war ein Stück Brot.
    Die Töpferin bringt uns mit viel Begeisterung und Fachwissen die Entwicklung der Keramik von Bonfol näher, deren Anfänge bis ins 16. Jahrhundert zurückführen.
    Schon früh wurde erkannt, dass der Lehm von Bonfol von guter Qualität und feuerfest ist. Aus diesem Grund wurden nebst Essgeschirr, Häfen und Kaffeekannen feuerfestes Kochgeschirr und Gugelhopfformen produziert. Der allseits beliebte Caquelon fand hier seinen Ursprung. Die Geschichte der Fondue-Pfanne wird in einem speziellen Raum anschaulich präsentiert. Grosse Bedeutung hatte in Bonfol die Baukeramik. Die uns allen bekannten und unverwüstlichen Klinkerplatten wurden hier hergestellt. In der Ziegelei produzierte man von Hand Dachziegel.
    Besonders fasziniert hat mich ein solches ausgestelltes Exemplar, auf welchem im unteren Teil eine Sonne eingeritzt ist, was anzeigt, dass dies der letzte geformte Ziegel vor dem Feierabend war.
    Die Hochblüte der Keramikproduk-tion war das 18.Jahrhundert. In den Jahren 1930-1940 gab es noch zwei Manufakturen in Bonfol. Der letzte Töpfer Armand Bachofner setzte sich 1980 dafür ein, dass mit der Stiftung Poteries de Bonfol die Töpferei im Ort nicht in Vergessenheit gerät. Aus diesem Grund sind im ersten Stock des Museums zwei Töpferscheiben aufgestellt, auf welchen zu gegebener Zeit das alte Handwerk demonstriert wird. Nach dem informativen und kurzweiligen Museumsbesuch machen wir einen Abstecher in das Atelier von Felicitas Holzgang, der letzten Töpferin in Bonfol. Sie gestaltet mehrheitlich Dekorationskeramik mit wunderschönen Formen und faszinierenden Glasuren. Einige Elsass-Freunde lassen sich von den speziellen Schalen so bezaubern, dass trotz Zeitmangel eingekauft wird, obwohl der Bus bereits abholbereit da steht.

    In einer kurzweiligen und informativen Ansprache bringt uns der Bürgermeister von Pfefferhouse das Alltagsleben vergangener Zeiten in dieser Region näher. Robert Heuss verdankt den freundschaftlichen Empfang mit gespendetem Apéro.
    In Mooslargue machen wir Halt im kleinen, sehr originellen Restaurant A l’Ange. Es wird uns ein ausgezeichnetes Essen auf kleinstem Raum serviert: Opéra de Foie gras, Sauté de chevreuil, Spätzle, Bonbon Münster, Gâteau glacé au caramel beurre salé.

    Nachmittags besuchen alle Elsass-Freunde gemeinsam den schmalen Largzipfel. Vom Larghof, den die schweizerischen Soldaten als Shelter benutzten, erreichen wir zu Fuss die geschichtsträchtige Waldlichtung, auf welcher der Grenzstein beim Kilometer Zéro steht. Dort wird uns ein geschichtlicher Abriss über die traurigen Zeiten des Ersten Weltkrieges gegeben. Wir gehen ein Stück auf dem Kilometer-0-Pfad, um einen Eindruck dieses Grenzgebietes zu erhalten.
    André Dubail, pensionierter Lehrer und Historiker, informiert uns über die verschiedenen Grenzsteine und Grenzlinien. Interessant ist die Bedeutung des abgebildeten Bären auf dem Grenzstein beim Kilometer Zéro, er erinnert an das Jahr 1815, als der Wiener Kongress das Basler Fürstbistum dem Kanton Bern zuschlug.

    Voll gestopft mit unterschiedlichsten Eindrücken kommen wir gut in Basel an. Peter Obrist und Jürg Schär danken wir für die tadellose Organisation dieses interessanten Ausflugs.


  • Literarischer Abend
    von Regula Adam

    Traditionsgemäss findet der Litera-rische Abend jedes Jahr als kultureller Leckerbissen im November statt. Neu wurde die 14. Ausgabe erstmals dieses Jahr im Schmiedenhof organisiert.
    Der schöne Saal mit den vielfältigen Wandgemälden bildet das gediegene Ambiente für das zahlreich erschienene Publikum.

    Die Liedermacherin Jacqueline Schlegel eröffnet den Abend mit dem Chanson „la vie en rose“, es ist gedacht als Hommage an die schrecklichen Attentate in Paris in der vergangenen Woche. Mitorganisator Hans-Jörg Renk begrüsst die Gäste und gibt einen kurzen Überblick über den Programmablauf. Gleich zu Beginn begeistert Jacqueline Schlegel mit ihren selbstkomponierten Liedern, sie sind witzig und haben oft einen überraschenden und humorvollen Schluss. Sie singt von ihren Träumen, von ihrem Kater Ramses, sie will nicht grosse Fragen wälzen oder philosophieren, sie hat genug Alltagsprobleme, zum Beispiel: wo ist der Schlüsselbund. Der Song „ Alles isch parat“ persifliert eine durchgestylte Party, bei der es schliess-ich, „Oh Schreck“ zu regnen beginnt, doch allen Gästen werden Regenpelerinen verteilt. Liebeslieder, welche in früheren Zeiten hauptsächlich von Minnesängern vorgetragen wurden, haben in Baseldeutsch ihren Platz. Die Künstlerin gibt sich auch zeitgemäss und möchte einen Wunschmann in der Ikea kaufen, zum selber Zusammenbauen, natürlich mit Rückgaberecht. Ein in Jiddisch vorgetragenes Lied zeigt das facettenreiche Repertoire, welches die quirlige Sängerin beherrscht.

    Zwischen den abwechslungsreichen Liedern schlägt die Schriftstellerin Carola Horstmann aus dem Badischen leisere Töne an. Die bewegende Geschichte vom Monele, dem Mädchen, welches nicht wie die andern Kinder ist, und von einem Auto angefahren wird, macht sehr nachdenklich. Zur trüben Stimmung passt auch die traurige Geschichte der alten Spinne , die nicht mehr weiss, wie man ein Netz baut und Brummer, die fette Fliege, der nicht mehr fliegen kann. Die von der Künstlerin vorgetragenen Gedichte sind sehr stimmungsvoll, besonders gefallen hat mir „Morgenerwachen an der Els“ (Fluss). Carola Horstmann versteht es aber auch, sich als selbstbewusste Frau vor das Publikum zu stellen und den Titel „Es isch nid gnug“ als Rap ins Mikrofon zu schmettern, „ Was i bi, was i cha, i bi doch guet!“


    • Angscht

      Angscht vor Tatze
      Angscht vorem Tod
      Angscht vorem Schwan

      Angscht vor de Sprützi
      Angscht vor de Schrätteli
      Angscht vor de Dachlawine

      Angscht vor de Kellerschtäge
      Angscht vor de Brotmaschine
      Angscht vorem Hochwasser in de Wiese
      Angscht vor de Kloschpüelig in de Nacht

      Aber dört in sellem Hus do wohnt ein
      Dä hät Angscht vor mir


    Von Strassburg kommt der Schriftsteller Pierre Kretz zur Lesung
    aus seinem Buch „Ich bin a beesi Frau“, welches er eine Woche zuvor bereits in der Radiosendung Schnabelweid auf SRF 1 vorgestellt hat. Treffend Illustriert hat das Buch Dan Stefan.


    • Ich ben a beesi frau

      Ich weiss’es. Àlli litt vom dorf wesse’s
      Un wann àlli litt vom dorf ebs wesse,
      esch’s woohr.
      Doch s’esch woohr.
      Ich ben a beesi frau. Àwer dess
      steehrt min et. Gàr net.
      Worum sott`s mi steera. M’r muass
      Sich ànnamma wie m’r esch.


    Die Lesung entpuppt sich als eine fulminante, vom Autor in Nieder-Alemannisch vorgetragene Performance mit Krimistimmung. Man sieht „ die beesi Frau, d’Ulmer Thérèse“ leibhaftig vor sich, wie sie aus ihrer tieftraurigen Lebensgeschichte in einem Dorf im Elsass erzählt. Sie führt ein liebloses Leben an der Seite eines Mannes, welcher sie während eines Festes vergewaltigt und schwängert, sodass sie gezwungen ist, ihren Peiniger zu heiraten. Be-trunken stürzt er nicht ganz freiwillig die Treppe hinunter in den Tod.

    • Jezt steht’r direkt owa àn de staj.
      No hàwi’s gemàcht.
      Ich hàb na gràd a essel brucha
      drucka àn de àchsel... gràd a so...
      Un d’r noo, beohna a schrej, ohna a
      muchser esch’r d’staj nàh gerollt !
      Ich hàb numma ghert wie siner kopf
      geje n’a stàffel gstoosse’n esch.
      S’het gedoont so wie... so wie... a
      schittel holz. A komischer kràch fer
      a schaddel. Bums het’s gemàcht un
      ze glicher zitt... gekràcht. So wie...
      so wie... so wie... a schaddel geja a
      stàffel uss stein...



    In ihren Fantasien träumt Thérèse davon im Dorftheater die Rolle der Claire Zachanassian in Dürrenmatts Stück „Der Besuch der alten Dame“ zu spielen. Sie möchte Zachanassians Schlüsselsatz „Ich ziehe immer die Notbremse!“ in den Saal schreien, wo all die „Dottle“, wie sie denkt, des Dorfs sitzen. Aber niemand will dieses Stück zur Auf-führung bringen. Unglücklicherweise stirbt auch noch ihr Sohn. Der einzige Genuss im Leben der Ulmer Thérèse bleibt ihre eigene Bosheit.

    Damit wir uns von so viel literarischer Power stärken können, servieren uns zwischendurch Conny und Urs Rinklin vom „Wyyguet Rinklin z’ Rieche im Schlipf“ er-frischenden Wein und dazu Gugelhopf. Den Organisatoren gebührt ein grosses Lob und Dank für den gelungenen Abend.


  • Venedig im Schnee
    von Jürg Burkhardt

    An einem beinahe als spätsommerlich zu bezeichnenden Sonntag im Dezember verschoben sich beinahe 60 Elsass-Freunde per Bus nach Bartenheim in die „Auberge d’Alsace“ zu einem vorweihnächtlichen Mittagessen. Auch wenn wir bekanntlich kein „Fressclub“ sind, so sei doch den zu Hause gebliebenen Mitgliedern das Menu verraten:

    Ein Cüpli Crémant d’Alsace oder ein Orangensaft als Apéro heizten die Stimmung ein. Nach einer Salade landaise folgte als Piece de résistance ein Rôti de Veau mit einem delikaten Gratin dauphinois und Gemüse.

    Zur Abrundung wurde ein Stück Tarte aux Pommes mit Vanille-Glacé und Schlagrahm serviert.

    Anschliessend wurden wir so recht-zeitig ins Zentrum von Mülhausen chauffiert, dass es vor der geplanten
    Theatervorstellung noch zu einem kurzen und individuellen Rundgang über den Weihnachtsmarkt reichte.

    Nun komme ich auf den Titel zurück: „Venedig im Schnee“ hiess das von Gilbert Huttler in den so überaus sympathischen Elsässer-Dialekt übersetzte Lustspiel von Gilles Dyrek, das in Paris über 1000 Aufführungen erreicht haben soll! Es ist ein Vier-Personenstück, dessen ganze Handlung sich in einer in Renovation befindlichen Wohnung abspielt. Es dauert bis weit in den 2. Akt hinein, bis sich das Rätsel um den Namen auflöst!
    Ich kann nichts dagegen tun, ich muss den Inhalt kurz auf Elsässisch wiedergeben:

    Zwei junga Paarla kùmme zusamma fer a erschter neyer Kontàkt uf z’ namma un a gmiedliger Owa z’ver-brenga. S’erschta Paarla ésch verrukt verliabt, s’andra labt momentàn en der Verzwieflung, das heisst, sa han schtandig „Deschpetàt“ un sen net einig. S’war vilicht besser wenn ma dat ehrlig bliewa. Natirlig gebt’s halt ganz komischa Situationa.

    Die begabten Laiendarsteller des TAM - des Théâtre Alsacien de Mulhouse - unter der Regie der den Elsass-Freunden seit unseren CD’s „MundArt am Oberrhein“ bestens bekannten Huguette Duerr liefen speziell nach der Pause im heimeligen Stadttheater „an der Sinne“ zu grosser Form auf.

    Nun bin ich noch die Auflösung des Titels schuldig: als wichtiges Requisit stellte sich eine Plexiglaskugel mit Gebäuden aus Venedig heraus, die - wenn man die Kugel nur richtig schüttelt - sich in feine Schneeflocken einhüllen. Das gute Stück wurde im Carrefour z’Milhüsa erstanden! Wehmut kam zum Schluss der Vorstellung auf, da kurz vor dem Beginn den Auftritten dieser Saison der langjährige Bühnenbildner Jean-Francois Mattauer ganz unverhofft verstorben ist. Es war bewegend, wie sich das Ensemble mit einem Grand Merci von ihm verabschie-dete.

    Schon im Theater spürten nicht wenige der Teilnehmer, wie viel sie am Mittag zugenommen hatten. Spätestens auf der Heimfahrt im etwas engen Gestühl des Busses merkten es noch die Letzten. Zum Schluss möchte ich nur noch festhalten, dass es eigentlich schade war, den Weih-nachtsmarkt nicht in seiner farben-frohen Beleuchtung erleben zu kön-nen, die chinesischen Lieferanten des „christlichen“ Lichts hätten sicher auch gerne von unserer Begeisterung darüber erfahren!

    Aber den süssesten Punkt des gebotenen Programms will ich an den Schluss dieses Kurzberichtes stellen: die beiden Verantwortlichen des Anlasses – Marianne Gloor und Werner Schwarzwälder - haben uns eine süsse Überraschung auf den Mittagstisch gestellt. Werner hat es sich nicht nehmen lassen, für uns aller feinste Bredala zu backen und vermutlich hat Marianne die hübschen Lätschli um die Güggli gebunden! E ganz e härzlig Dangger-scheen fir die Iberraschig und fir d’Arbet, wo sii sich fir uns g’macht hän!


  • „DreylandDichterweg“ auf der Zielgeraden
    von Ursula Schmitt

    Seit unserem letzten Zwischenbericht über den Stand des geplanten „DreylandDichterwegs“ vom Januar 2014 (“Elsass Gazette“ Nr. 123, Sei-ten 23/24), ist erneut viel Zeit vergangen. Das Projekt, das in Zusammenarbeit mit den Behörden der drei Städte Basel, Hüningen und Weil am Rhein von Dialektspezialisten und den Elsass-Freunden konzipiert wurde, kurz vor der Vollendung. Es ist vorgesehen, den Dichterweg gemeinsam mit der neuen Rheinufer-promenade, auf der Schweizerseite - offizielle Bezeichnung „Elsässerrheinweg“ -, am 11. März 2016 zu eröffnen.

    Die Auswahl der Gedichte ist in allen drei Ländern abgeschlossen und die Anzahl der Tafeln festgelegt. Insgesamt werden 24 Tafeln realisiert, davon werden sieben auf der französischen Seite, acht auf deutscher und neun auf Schweizer Seite installiert. Auf der französischen Seite müssen die Gedichte zweisprachig sein. Deshalb wird das ursprünglich festgelegte Mass von 100x20 cm aus Platzgründen für Frankreich und Deutschland auf 100x30 cm ver-grössert. Auf Übersetzungen oder Erläuterungen für die Gedichte aus der Schweiz für Deutschland wird verzichtet. Eine Veränderung des Masses für den Schweizerabschnitt ist nicht möglich, da die einzelnen Tafeln oben in die Mauerbrüstung eingelegt werden und die Breite der Tafeln nicht überschritten werden kann. Material und Schrift sind für alle 24 Tafeln identisch. Die Gedichte werden gemischt, sodass pro Land je vier Gedichte aus den Nach-barländern zu lesen sind.

    Eine dreisprachige Übersichtstafel mit einem kurzen Text von Edgar Zeidler und einer englischen Übersetzung von Evelyne Troxler erläutert die dem gemeinsamen Weg zugrunde liegenden Überlegungen. Die Nummerierung der einzelnen Tafeln mit Namen der Dichter und Titel der Gedichte ist definiert. Es werden insgesamt drei Übersichts-tafeln erstellt, jedes Land wählt dabei für seinen Abschnitt ein geeignetes Auftaktgedicht. Es wurden dafür folgende Dichter ausgewählt: für die Schweiz Hilda Jauslin,

    • Drei

      Drei Länder
      Drei Belche
      Drei Dialäggt

      Drei Wünsch

      Ai Mentscheschlaag
      Ai Sprooch
      Ai Dreiland

    für Frankreich Tony Troxler und für Deutschland Werner Richter.

    In allen drei Ländern wird das 3-Land-Logo Verwendung finden. Es wird aufgrund der Lesbarkeit als farbi-ges Piktogramm realisiert und auf der Tafel angebracht.
    Deutscher Text vom Edgar Zeidler auf orientierender Uebersichtstafel.

    QR-Code: Durch den auf den Tafeln angebrachten QR-Code wird es möglich, auf eine eigene Website des Dichterwegs zu gelangen, die weitere Informationen zu den Dichtern und den Gedichten enthalten soll. Die Website wird unter www.dreylanddichterweg.eu erreichbar sein.

    Website: Ziel ist es, eine einfach gestaltete und relativ statische Seite zu schaffen. Zu jedem Dichter soll es eine Bibliographie mit einem Bild geben. Die Website wird dreisprachig gestaltet.

    Neu zu unserem Team gestossen ist Hugo Neuhaus. Als Betreuer unserer Website kennt er die Materie. Er hat wesentlich dazu beigetragen, unsere Vorstellungen klar zu vertreten und mögliche Lösungen zu finden.

    Es ist vorgesehen, die Tafeln kurz vor der Eröffnung im März 2016 zu montieren. Wir offen alle, dass dieser Zeitplan aufgeht.


  • Weltpremière in Basel
    Vor 170 Jahren wurde die erste internationale Bahnverbindung eröffnet

    von Hans-Jörg Renk

    Der 11. Dezember ist ein wichtiges Datum in der gemeinsamen Geschichte von Saint-Louis und Basel, denn an diesem Tag des Jahres 1840 erhielt Saint-Louis seinen ersten Bahnhof auf dem Gelände des heutigen Rathauses als vorübergehende Endstation der Bahnlinie Strassburg-Basel, und auf den Tag fünf Jahre später wurde in Basel der erste Bahnhof auf Schweizerboden eröffnet, dort, wo bis vor kurzem das Gefängnis “Schällemätteli” stand. Der 11. Dezember 1845 war aber nicht nur ein historischer Tag für Basel und die Schweiz, sondern sogar eine Weltpremière, denn die 140 km lange Strecke nach Strassburg war die erste internationale Bahnverbindung überhaupt, und zudem die erste “Grande ligne” Frankreichs. Die Reise in die Elsässische Metropole, schon damals auf Doppelspur, dauerte zwar über vier Stunden, brachte aber gegenüber der Postkutsche einen immensen Fortschritt, der wohl nur mit dem Aufkommen des Flugzeugs im 20. Jahrhundert vergleichbar ist.

    Aber weshalb dauerte es fünf Jahre, um die 2,6 Kilometer zwischen den beiden Bahnhöfen dies- und jenseits der Grenze miteinander zu verbinden? Der Mülhauser Textilfabrikant Nicolas Koechlin (1781-1852) hegte bereits 1833 erste Pläne für eine Bahnverbindung zwischen Strassburg und Basel, die er nach einem erfolgreichen “Probelauf”, nämlich der 1837 in Betrieb genommenen ersten Eisenbahn im Elsass zwischen Mülhausen und Thann, zügig in Angriff nahm. Im gleichen Jahre setzte Basel unter dem Vorsitz des Bürgermeisters Karl Burckhardt-Paravicini (1795-1850) eine Eisenbahn-Kommission ein, um die Weiterführung der Linie bis in die Stadt zu planen. Der Wille dazu war also auf beiden Seiten vorhanden und zeigte sich symbolisch darin, dass die Lokomotive, die 1840 den Festzug zur Einweihung des Bahnhofs Saint-Louis anführte, “Ville de Bâle” hiess und dass das anschliessende Bankett im Basler Casino stattfand, da es in Saint-Louis keine geeigneten Räumlichkeiten gab. Die Basler Regierung bekräftigte bei dieser Gelegenheit ihren Wunsch, die Bahn möglichst bald in ihrer Stadt begrüssen zu können, doch im Grossen Rat wurde diese Begeisterung nicht von allen Seiten geteilt. Vor allem gab es dort grosse Vorbehalte gegen einen Bahnhof “intra muros”, denn viele Skeptiker befürchteten, dass das neue Transportmittel eine Art “Trojanisches Pferd” für einen Überfall durch fremde Truppen werden könnte. Diese Sorge war nicht ganz unberechtigt, denn in Frankreich war die innenpolitische Lage im Sommer 1840 angespannt, weil ein Staatsstreich von Louis Napoleon gegen König Louis Philippe nur knapp verhindert wurde, und auch aussenpolitisch herrschten zur gleichen Zeit Spannungen zwischen Frankreich und Deutschland wegen der “Orient-Frage”, inbesondere wegen Syrien...Dennoch bewilligte der Grosse Rat im Februar 1841 mit 54 zu 24 Stimmen ein Konzessionsgesuch eines schweizerisch-elsässischen Konsortiums, das sich jedoch wenig später mit Nicolas Koechlin verkrachte, der die Verlängerung der Bahn daraufhin selbst in die Hand nahm und auch aus seiner eigenen Tasche bezahlte. Erst im Sommer 1843 genehmigte der Grosse Rat mit der knappen Mehrheit von vier Stimmen das “Cahier de charges”, das einen Bahnhof “intra muros” vorsah, an der heutigen Spitalstrasse, die damals noch Lottergasse hiess. Um genügend Platz für die Bahnanlagen innerhalb der Stadtbefestigung zu erhalten, musste entlang der heutigen Klingenbergstrasse ein neues Mauerstück und bei der Einfahrt der Geleise, die entlang der heutigen Vogesenstrasse verliefen, nach Plänen von Melchior Berri ein spezielles Eisenbahntor erstellt werden, das jeweils zwischen dem letzten Zug um 21 Uhr und dem ersten um 5.30 Uhr geschlossen wurde. Diese Bauarbeiten begannen im Oktober 1843, aber der Bau des Bahnhofsgebäudes verzögerte sich, weil die Bewilligung dazu erst im Februar 1844 erteilt wurde, zu spät für das Eidgenössische Schützen-fest vom Juni 1844 in Basel. Um dennoch für dieses Grossereignis über einen Bahnanschluss zu verfügen, wurde ein provisorischer Bahnhof ausserhalb der Mauern vor dem St. Johanns-Tor errichtet, der während des Festes gegen 30’000 Reisende aus dem Elsass in Empfang nahm, was beweist, wie stark der Zusammenhalt der Bevölkerung unserer Region damals war. Das Provisorium wurde im April 1844 ein Raub der Flammen und weil das Schützenfest immer näher rückte, wurde in aller Eile die ehemalige Stationsbaracke von Ribeauvillé antransportiert.

    Das definitive Bahnhofsgebäude wurde aus Zeit- und Spargründen vom gleichen Architekten geplant wie dasjenige von Mülhausen, dem aus Delle stammenden Jean-Baptiste Schacre, und die beiden Bauwerke glichen sich daher wie ein Ei dem andern. Der damalige Mülhauser Bahnhof wurde nach dem Ersten Weltkrieg durch den heutigen er-setzt, doch sein Basler “Zwilling” überlebte nur 15 Jahre, da 1860 die französische Bahn entlang des heutigen Steinen- und Spalenrings über den Birsig-Viadukt in den neuen Centralbahnhof eingeführt wurde, wo sie den Anschluss an das schweizerische Bahnnetz fand. Zur gleichen Zeit verschwanden auch die Stadtmauern und mit ihnen das Eisenbahntor. Dass sich der ganze grosse Aufwand für den Bau der Bahnanlagen und der damit verbun-denen Befestigungen nur während eineinhalb Jahrzehnten auszahlte, zeigt, wie rasch sich die Verhältnisse schon zu einer Zeit änderten, die wir heute nostalgisch als “die gute alte” bezeichnen...

    Die Société d’Histoire de Saint-Louis hat das doppelte Jubiläum von 1840 und 1844 zum Anlass einer kleinen, aber feinen Ausstellung in ihrer “Maison du Patrimoine” an der Rue Saint-Jean 3 genommen, die neben einem Modell des ehemaligen Bahnhofs Saint-Louis mit historischem Zug zahlreiche Originalpläne und -Doku-mente zum Bahnbau aus den 1830er und 1840er Jahren umfasst. Auf Einladung seiner Präsidentin Jocelyne Straumann, die auch stellvertretende Bürgermeisterin von Saint-Louis ist, findet am

    Donnerstag, 28. Jan. 2016 von 14.30 bis 16.00 Uhr eine Spezialführung für die Mitglieder der Elsass-Freunde statt. Interessenten sind aus organisatorischen Gründen gebeten, sich bei Hans-Jörg Renk anzumelden.

    Die Maison du Patrimoine ist mit dem Bus 604 erreichbar: Abfahrt ab Schifflände 14.07, Ankunft Carrefour Central 14.13, dann ca. 10 Min. zu Fuss entlang der Avenue du Général de Gaulle Richtung Altkirch. Die Rue Saint-Jean ist die erste Querstrasse links nach der Bahnunterführung. Vor dieser Unterführung links gibt es für Autofahrer einen grossen Gratis-Parkplatz ohne zeitliche Beschränkung.


  • Drei Frauen + drei Länder = “Dreiland News”
    Eine neue Plattform für junge Menschen aus der Regio
    von Hans-Jörg Renk

    Die drei jungen Damen auf unserem Bild sind nicht, wie man etwa vermuten könnte, Kandidatinnen für einen Schönheitswettbewerb, sondern die Promotorinnen einer neuen Initiative, die sich zum Ziel gesetzt hat, der jungen Generation von 15 bis 25 Jahren, die ohne Grenzen aufgewachsen ist, aber diese oft nach wie vor im Kopf hat, das Gefühl zu vermitteln, zu einem gemein-samen Lebensraum, eben dem Dreiland, zu gehören. Alle drei studieren noch, Clémence Prillard (links) aus dem Elsass Erziehungswissenschaften an der Université de Haute Alsace in Mulhouse, Anna Fersztand (Mitte) aus Basel Medienwissenschaften an der dortigen Universität, und Julia Reist aus dem Badischen Wirtschaft, ebenfalls an der Uni Basel.

    “Dreiland News” ist als Verein nach dem lokalen Recht des Elsass konstituiert und seine drei Gründerinnen betreiben dessen Tätigkeiten neben dem Studium als Freiwilligenarbeit. Diese beruht, dem Dreiklang ihres Namens folgend, auf drei Säulen: Publikation, “Events” und Kommunikation. Die Publikation “Dreiland News”, sozusagen das Flaggschiff der Initiative, ist, wie es sich für ein junges Zielpublikum gehört, ausschliesslich auf dem Internet nach-zulesen. Sie umfasst Reportagen über kulturelle Ereignisse im Dreiland, wie zum Beispiel den Dichterabend mit Jean-Christophe Meyer in Riehen, oder Interviews mit Persönlichkeiten, die sich beruflich für den Zusammenhalt der Region einsetzen, z.B. Frédéric Duvinage, Geschäftsführer des Trinationalen Eurodistricts Basel (ETB), und bringt so die jungen Leserinnen und Leser mit Themen in Berührung, zu denen sie von sich aus keinen Zugang fänden. Die Statistik beweist, dass hier effektiv eine “Marktlücke” besteht: Seit “Dreiland News” im März 2015 ans Netz ging, erreichte seine Facebook-Seite bereits mehr als 25’000 Besucherinnen und Be-sucher!

    In Sachen “Events” konnte “Dreiland News” im ersten Jahr ihres Bestehens ebenfalls einen Erfolg verbuchen, und hier trifft der Vergleich mit einem Schönheitswettbewerb zu, nämlich durch die Wahl von “Miss Dreiland” Ende Oktober im “Espace 2000” von Bartenheim. Dabei ging es aber nicht um die Schönheit, sondern darum, eine junge Frau zu wählen, die durch ihre Persönlickeit sowie ihre Kenntnisse von mindestens zwei Sprachen der Region und deren Kultur das Dreiland sozusagen als “Botschafterin” würdig vertreten kann. Es meldeten sich zwölf Kandidatinnen aus dem Elsass und aus Basel, aus welchen schliesslich die Elsässerin Elodie Raedersdorf als Siegerin hervorging. Zweite wurde die Baslerin Tiia Vogel. Die nächste Wahl der “Miss Dreiland” soll in Basel stattfinden, dann hoffentlich auch mit Kandidatinnen aus dem Badischen.

    Der dritte Tätigkeitsbereich, die Kommunikation, ergab sich aus den Rückmeldungen auf Facebook. Es waren zwar bis jetzt erst wenige, aber dafür waren diese Jugendlichen umso interessierter, und aus den persönlichen Kontakten mit ihnen werden neue Initiativen im Sinne der vertieften Zusammenarbeit über die Grenzen hinweg ent-stehen. Davon ist Clémence Prillard überzeugt, die am Beginn der “Drei-land News” stand und “Chefredak-torin” der gleichnamigen Publikation ist. Der eigentliche Intitiator war jedoch ihr ehemaliger Englischlehrer am Lycée Mermoz von Saint-Louis, dem sie nach ihrer Rückkehr von einer ausgedehnten Reise durch Mittel- und Nordamerika durch Zufall wieder begegnete und der sie daran erinnerte, dass man damals schon in der Schule davon gesprochen hatte, auf dem Internet einen “Blog” zu regionalen Themen einzurichten. Clémence, die nach ihren Erfahrungen in der Ferne ihre engere Heimat gleichsam neu entdeckte und sich für sie begeisterte, machte sich sogleich ans Werk, rekrutierte ihre beiden Mitstreiterinnen und fand Sponsoren für den Start der “Drei-land News” und die Durchführung der Miss-Wahl. Sie bringt neben ihrer Kontaktfreudigkeit auch sprachlich die besten Voraussetzungen für internationale Aufgaben mit: Neben Französisch und Deutsch, in denen sie das “Abibac” bestand, spricht sie vier weitere Sprachen: Englisch, Spanisch, Portugiesisch und Neugriechisch. Das Elsässische blieb ihr hingegen lange Zeit fremd, da ihre Eltern mit ihr nur Französisch sprachen. Sie lernte es über den Umweg über Hochdeutsch und “Baseldytsch”, da sie immer engen Kontakt zu Basel hatte, und gibt heute zu, dass sie den Dialekt dieser Stadt besser als Elsässisch spricht. Sie wird ihre baslerischen Sprachkenntnisse bald weiter vertiefen können, denn sie plant im Frühjahr einen einmonatigen Stage an der Rudolf Steiner-Schule am Jakobsberg.

    Clémence Prillard zählt nicht nur für ihre Ausbildung als Erzieherin auf die Schweiz, sondern auch für das Elsass für seine sprachliche Zukunft. So schrieb sie in ihrem Bericht über den Dichterabend in Riehen:
    “...Je me demande alors si la Suisse ne serait pas ce foyer fertile, cet eldorado inespéré pour permette à l’alsacien de survivre? Tel un cocon hors du temps, la Suisse permet en son sein la préservation des particu-larités locales. Elle nous soutient, elle nous présente, je me surprends à penser.” Und sie fährt fort mit einer wahren Liebeserklärung an das Dreiland:

    • “A cet instant, je prends conscience que le Dreiland m’a devancée depuis longtemps. Je me rends com-te qu’à l’instar de Jean-Christophe Meyer, je porte le flambeau d’une réalité, belle et bien là, sous mes yeux. Et je souffle, car je me dis que ma volonté de faire vivre le Dreiland connaît déjà un soutien, alors que je ne le soupçonnais pas...Vanité, me direz-vous? Non, cest bien l’ignorance qui m’a séparée jusqu’à ce jour de ces Suisses et d’autres, moins Suisses, amoureux de l’Alsace. Pour la première fois, je vis le Dreiland en son coeur, c’est à dire qu’en me trouvant au milieu d’eux, partageant une affection commune pour l’endroit où je suis née, je communie avec mon voisin, je rentre en lien direct avec lui et à travers une seule chose: l’Amour.”


    In diesem Sinne freuen sich Clémence und ihre Kolleginnen auch auf Kontakte mit den Elsass-Freunden, die nicht nur eine Verbindung über die Grenzen, sondern auch zwischen den Generationen erlauben würden. Wer also gute Ideen für die regionale Zusammen-arbeit hat, die auch junge Menschen ansprechen könnten, ist herzlich ein-geladen, sich zu melden: eMail.
    Weitere Informationen auf:
    www.dreiland.over-blog.com


  • Archäologie eines Sundgauer Dorfes
    Ecomusée-Gründer Marc Grodwohl
    inventarisierte die Häuser von Lutter

    von Hans-Jörg Renk

    Marc Grodwohl, Gründer des Eco-musée d’Alsace und dessen langjähriger Direktor sowie Mitbegründer der Elsass-Freunde, deren Fördermitglied er bis heute ist, hat ein Projekt wieder aufgenommen, welches er in den frühen 1970er Jahren zusammen mit der damaligen Equipe von Freiwilligen des Vereins “Maison paysannes d’Alsace” begonnen hatte, aber seinerzeit nicht zu Ende führen konnte: Die möglichst vollständige Inventarisierung eines ganzen Dorfes. Die Wahl fiel auf Lutter, nicht nur, weil es eines der am besten erhaltenen Elsässer Dörfer mit einer ungewöhnlich hohen Zahl von Häusern aus dem 16. und frühen 17. Jahrhundert ist, sondern weil es in mehrfacher Beziehung eine Mittelstellung einnimmt: Geographisch zwischen dem Jura und dem flacheren Teil des Sundgaus und in der Nähe des Kantons Jura und der Franche-Comté gelegen, sprachlich zwischen Deutsch und Französisch, und mit historisch engen Beziehungen zu Basel, zu dessen Bistum es lange gehörte. In der Architektur seiner Häuser vermischen sich denn auch die Einflüsse aller dieser Bezugspunkte, was das Studium des Dorfes umso interessanter macht.

    Im April 2013 konnten Marc Grodwohl und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Inventarisierung dank der Unterstützung der Gemeinde und des eigens zu diesem Zweck gegründeten Vereins “Lutter en dé-couverte” wieder aufnehmen. Ihre Untersuchungen, die bis Anfang 2015 andauerten, konzentrierten sich dabei auf die insgesamt 28 Häuser, die zwischen 1530 und 1630 entstanden waren, also zwischen dem Bauernkrieg und dem Einfall der Schweden im Dreissigjährigen Krieg. Dabei stützten sie sich u.a. auf ein Güterinventar aus dem Jahre 1582, das wertvolle Informationen enthielt, die auch Rückschlüsse auf die damalige Lebensweise erlaubten. Von den darin erwähnten 29 Häusern sind heute noch 13 erhalten.

    Die Resultate der Untersuchungen sind im vergangenen Herbst in einer über 300 Seiten starken Dokumentation mit über 660 Plänen, Fotos und Zeichnungen erschienen, die wohl in Frankreich ihresgleichen sucht und hinter welcher eine im-mense Arbeit steht, für die man Marc Grodwohl und seine Equipe nur aufrichtig bewundern kann!

    Marc Grodwohl en collaboration avec Christian Dormoy, Kaspar Egli, Luc Ferrandier et Christine Verry: Les villageois de Lutter en leurs demeures, une archélologie de la maison dans le Jura alsacien 1530-1630, Mairie de Lutter et Association Lutter en découverte 2015, 332 Seiten, 25 Euro plus Versandspesen.

    Das Buch kann bezogen werden bei Christine Verry, 40 Rue de Kiffis, F-68480 Lutter, Tel. 00333 89 40 78 21
    E-mail: eMail


  • André Futterknecht, 21.10.1925 – 29.09.2015
    von Jürg Burkhardt
    Ein richtiger Elsässer aus Huningue, der in Basel eine grosse Karriere machte. Er schaffte es bis in die Konzernleitung der Roche, wo ich ihm als Verantwortlichem für das Bauwesen, Technik und Fabrikation beruflich begegnet bin. Manches Jahr war er Mitglied bei den Elsass-Freunden Basel und hat an vielen unserer Exkursionen in seine angestammte Heimat teilgenommen. Er war und blieb bescheiden und zurückhaltend, kaum jemand von uns hat gewusst, dass eine so prominente Person im Car und am Mittagstisch unter uns weilte. Wir werden ihn in guter Erinnerung behalten.


  • Albert Schweitzers Vater als Chronist des Krieges
    Gérard Leser veröffentlicht das Kriegstagebuch
    von Louis Schweitzer

    von Hans-Jörg Renk


    Die Elsass-Freunde, die im April 2013 das ehemalige Wohnhaus von Albert Schweitzer in Gunsbach im Münstertal westlich von Colmar besuchten, waren sich wohl nicht bewusst, dass im dortigen Museum seit fast einem Jahrhundert ein Schatz verborgen war, der erst im vergangenen Jahr ans Licht der Öffentlichkeit gelangte: Das Tagebuch, welches Louis Schweitzer, der Vater von Albert, während des ganzen Ersten Weltkrieges und sogar noch einige Monate darüber hinaus geführt hatte. Unser Fördermitglied Gérard Leser, selbst im Münstertal aufgewachsen, war bereits 1993 von der Direktorin des Museums auf die Existenz dieses Dokuments aufmerksam gemacht worden und wollte es sogleich veröffentlichen. Aber das Projekt verzögerte sich aus verschiedenen Gründen bis zum vergangenen Jahr, als es Gérard für die Société d’Histoire du Val et de la Ville de Munster, die er präsidiert, und für die Association Internationale pour l’oeuvre du docteur Albert Schweizer de Lambaréné als Buch herausbrachte. Die Verspätung war sogar ein Vorteil, denn 2015 war in dreifacher Hinsicht ein “Schweitzer-Jahr”: Albert wurde vor 140 Jahren geboren und starb vor 50 Jahren, und vor 100 Jahren erschien seine Schrift “Ehrfurcht vor dem Leben”, die ihn weltberühmt machte.

    Louis Schweitzer war von 1875, dem Geburtsjahr seines Sohnes, bis 1925 Pfarrer von Gunsbach und erlebte dort den Ersten Weltkrieg aus allernächster Nähe, denn die Front verlief wenige Kilometer westlich des Dorfes. Die Kämpfe dauerten während des ganzen Krieges nahezu ohne Unterbrechung an, mit dem blutigen Höhepunkt der Schlacht um den Lingekopf/Le Linge, nördlich von Münster, im Sommer 1915. Eigentlich wollte Louis Schweitzer seinem Sohn und dessen Frau Helene Bresslau, die ein Jahr vor Kriegsausbruch nach Lambarene gezogen waren, die kriegerischen Ereignisse in der Heimat schildern, doch erwies sich das als schwieriges Unterfangen, weil der Briefverkehr zwischen dem deutschen Elsass und der französischen Kolonie Gabun, wo sich Lambarene befand, nur auf dem Umweg über Freunde in der Schweiz erfolgen konnte, was zu teilweise monatelangem Verzöge-rungen führte. Daher schrieb Louis Schweitzer statt Briefen ein Tagebuch, in welchem er als Augenzeuge die Schrecken des Krieges festhielt. Die Bevölkerung des oberen Münstertals wurde schon bald nach Kriegsbeginn evakuiert, und zwar auf beide Seiten der Front, die mitten durch das Tal verlief, die Bewohner im Westen nach Frankreich, die im Osten nach Deutschland. Gunsbach, knappe 6 Kilometer östlich von Münster, blieb ausserhalb der Evakuierungszone und erlitt während der ersten zwei Kriegsjahren auch keine grösseren Schäden, im Gegensatz zu Münster, das zu 80% zerstört wurde. Am 26. März 1916, einem Sonntag, geriet aber auch Gunsbach unter französischen Artilleriebeschuss. Louis Schweitzer schreibt darüber in seinem knappen Tagebuchstil:

    “Dimanche 26 mars 1916. Oculi. Journée épouvantable. Frais et clair, fort vent d’ouest. Le rapport signale que Verdun brûle. Sermon sur Matthieu 26, 3-5- et 14-16. Judas Iscariote. Pendant le culte, on entend déjà des tirs. L’après-midi à Griesbach (das Nachbardorf) . Lorsque vers 3 heures je sors de la salle de classe, j’entends des obus qui explosent dans la direction de Gunsbach Je dois encore baptiser l’enfant de Martin Meyer. Lorsque je descends vers 3 h ¼ la rue principale de Griesbach, les gens me disent que quelques obus sont tombés à Gunsbach. Près du Lindenwasen, je vois la fumée d’un obus qui monte près de notre maison. Je me dépêche de rentrer chez moi pendant que quelques obus explosent près du village. La rue du village est entièrement vide. Maman, Marguerite, le lieutenant Fiedler, l’adjudant, sont déjà dans la cave. Les obus se succèdent plus rapidement...

    Das Haus der Schweitzers wurde verschont, aber die angrenzende Scheune brannte, weil die Geschosse Phosphor enthielten. Der Brand konnte jedoch rasch gelöscht werden. Im gleichen Stil kommentierte Louis Schweitzer jeden Tag des Krieges in unterschiedlicher Länge, je nach Lage, aber immer mit einem kurzen Wetterbericht am Beginn seiner Einträge. Insgesamt umfasst sein Tagebuch 402 maschinengeschriebene Seiten; das Originalmanuskript wurde bis jetzt nicht gefunden. Die ersten 150 Seiten sind Französisch geschrieben, die übrigen auf Deutsch, die allerletzten Einträge wieder auf Französisch, vielleicht weil das Elsass inzwischen wieder zu Frankreich gehörte. In der vorliegenden Ausgabe sind die deutschen Teile auf Französisch übersetzt, aber es wäre sicher wünschenswert, wenn dereinst das ganze Tagebuch in einer zweisprachigen Version vorliegen würde, um dem Original des Werkes gerecht zu werden. Immerhin sind im Buch zwei auf Deutsch geschriebene Briefe von Vater und Sohn Schweitzer als Faksimile abgedruckt.

    Die Tagebucheinträge schildern das Leben der Menschen im Schatten der Front sehr realistisch und sind so ein eher seltenes Zeugnis dafür, wie die Zivilbevölkerung den Krieg erlebt: Einquartierungen, Durchmarsch von Truppen bei Tag und Nacht, Pflege von verwundeten und Begräbnisse getöteter Soldaten und Zivilpersonen, und das alles unter ständigem Kanonendonner und in den späteren Kriegsjahren unter drohenden Luftangriffen. Als Pfarrer war Louis Schweitzer ganz besonders gefragt, als Helfer, als Mutmacher und als Tröster bei den immer zahlreicheren Abdankungen. Auch seine eigene Frau Adèle wude ein indirektes Opfer des Krieges, als das wild gewordene Pferd eines deutschen Offiziers sie zu Boden riss, wobei sie einen Schädelbruch erlitt, den sie nicht überlebte.

    Im Tagebuch erfährt man nicht nur den genauen Verlauf des Krieges im Münstertal, sondern auch Details zur Rückkehr von Albert und Helene aus Lambarene, anhand von Auszügen aus deren Briefen. Die beiden waren bei Kriegsbeginn als deutsche Staatsbürger von der französischen Kolonialverwaltung unter Bewachung gestellt und Ende 1917 in Südfrankreich interniert worden, be-vor sie im Sommer 1918 über die Schweiz wieder ins Elsass zurück-kehren durften. Das Kriegstagebuch von Louis Schweitzer ist auch in dieser Hinsicht eine ergiebige Quelle, für deren Erschliessung Gérard Leser und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Dank und Anerkennung gebührt.

    Journal de Louis Schweitzer Gunsbach 1914 – 1919, Association Internationale pour l’oeuvre du docteur Albert Schweitzer de Lambaréné et Société d’Histoire du Val et de la Ville de Munster, 2015, 18 EUR


  • Fasnacht ohne Grenzen
    Maskeraden im Dreiland mit Veranstaltungskalender
    von Jürg Burkhardt

    Wenn im Spätherbst die Tage länger werden, wenn in der Stadt allenthalben die Weihnachtsdekorationen sichtbar werden, vernimmt des Baslers Ohr aus Schulhäusern und anderen Lokalen die hohen Töne der Piccolos und die dumpfen Schläge auf den Böggli hinter den verschlossenen Fenstern. Der Vorverkauf für die Vor-Fasnachtsveranstaltungen wird eröffnet. Kurz – in dieser Zeit „schmeggt“ es plötzlich ganz leise nach den „drey scheenschte Dääg vo Basel!“

    Soeben wurde ein neues Buch von Edith Schweizer-Völker mit Illustrationen von Fredy Prack der Öffentlichkeit vorgestellt. Wer Edith kennt, weiss, dass sie ihre Recherchen weit über den Bann der Stadt Basel hinaus unternimmt und so geschah es auch für dieses kleine, aber äusserst informative Buch. Sie hat sich die Mühe gemacht, die unterschiedlichsten und doch viel Gemeinsames enthaltenden Fasnachtsveranstaltungen der Region am Oberrhein zu erforschen und lebendig darüber zu berichten. Ganze 30 Destinationen –von Zell am Harmersbach im Norden, von Riespach im elsässischen Westen bis nach Waldshut und Rottweil im Osten und bis nach Sissach im Süden schweifen ihre Geschichten. Ergänzt werden diese Berichte durch einen Veranstaltungskalender, der uns hilft, einmal unsere Nase in weiter entfernte Fasnachtsbräuche zu stecken.

    Der bekannte Basler Grafiker Fredy Prack hat diese Texte mit seinen wundervollen leuchtenden Aquarel-len ergänzt.

    Ich mag nun gar nicht entscheiden, was der interessantere Teil dieses Buches sein könnte – die Texte oder die Bilder! Es ist ein abgerundetes kleines Kunstwerk entstanden, das sich auf jedem Basler Bücherregal gut macht!

    • Fasnacht ooni Gränze
      E Gedicht vom Schnitzelbänggler „Peperoni“ zur Vernissage vom Buech „Fasnacht ohne Grenzen“, von Edith Schweizer-Völker mit Illustrationen von Fredy Prack.

      • Fasnacht fyyre, gränzeloos,
        so ebbis dunggt mi grandioos!
        Und eerlig gsait: git’s glaub kuum,
        wie do im Alemanne-Ruum,
        e Bruuchtum, wo aim so verbindet,
        dasch ebbis, wo me sunscht nit findet.

      • Lueget doch iber d Gartehääg,
        nääb unsere drey scheenschte Dääg,
        git’s allergattig oobedryy,
        duruff und au durab am Rhy.
        Bis wyt in Schwarzwald git’s die Brüüch.
        Drum sag y do emool ganz schüüch:
        „Wenn derte d Narre ummetoobe,
        denn kaa me sogar d‘ Schwoobe loobe.“

      • Au wyt-umme, im Baselland,
        steggt me Fasnachts-Fyyr in Brand.
        Sy riskiere Kopf und Graage
        z Lieschtel, wenn sy d’Bääse draage.
        Derzue mit Wäägen ummerenne
        wo haiss und liechterloo dien brenne.
        Dasch dängg, will die im woorschte Sinn
        fir d Fasnacht Fyyr und Flamme sin.

      • Im noochen Elsass iberaal
        machen au d’Waggis Carnaval.
        Mit Strohmänner und mit vyyl Gspyyr,
        Sunnereedli us em Fungge-Fyyr.
        Dääwääg wänn die, heert me saage,
        dr Winter uss em Land verjaage.

      • So duet men in der Regio
        fir’s Fasnachtslääbe zämmestoo.
        Do loot sich niemert’s zwaimool bitte
        me pfläggt halt syni Brüüch und Sitte.
        S aige Fyyrli wird zwoor gschüürt
        doch wenn men aaneluegt no gspüürt
        me, dass säll, wo me so glunge findet,
        au gnau daas isch, won ys verbindet.

      • Grad wääge däm ka denn esoo,
        jede der Ander au verstoo.
        Aigetlig isch es doch so scheen,
        wenn Fasnächtler sich guet versteen.
        Drum frai dy drab, du Regio-Narr
        Gränzeloos isch wunderbaar!

      • Und was so Narre fertigbringe,
        sott doch der Politigg au glinge!


      Das Buch „Fasnacht ohne Grenzen“ ist im Buchhandel erhältlich:

      Autoren: Edith Schweizer-Völker und Fredy Prack
      Herausgeber: ILV-Verlag Basel, 2015, Hardcover, 140 Seiten
      ISBN: 978-3-906240-33-6
      Preis: CHF 29.00 / € 27.00


  • „ fedreliicht - drill di“
    von Ursula Schmitt

    Was wie eine Aufforderung zum Tanz klingt, sind die Titel der beiden neuen CDs der alemannischen Mundartautoren Markus Manfred Jung und Wendelinus Wurth, begleitet, unter- und übermalt mit musikalischen Kompositionen von Uli Führe.
    Der Drey-Verlag eröffnet mit diesen CDs eine neue CD-Hörbuchreihe „DREIZUNG“, die alemannische Mundart mit neuer Musik verbindet. Eine anspruchsvolle, jedoch äusserst gelungene Kombination.

    • „selle sichlemond
      maiht s milchigi wulkegras
      d nacht vergisst s schnuufe“

    • „jener sichelmond
      mäht milchiges wolkengras
      atemlos die nacht“

    Die CD „fedreliicht“ von Markus Manfred Jung und Uli Führe verbindet alemannische/hochdeutsche Lyrik und neue Musik. Sie steht damit in Nachfolge der CD Ikarus, die den Elsass-Freunden bekannt sein dürfte. Beim Hören der Gedichte in beiden Sprachformen ist es, als sehe man eine Skulptur aus verschiedenen Blickwinkeln, in anderen Lichtverhältnissen, überraschend und neu. Die musikalische Vielfalt der Interpretationen von Uli Führe, der für jedes der Gedichte einen stilistisch anderen Zugang findet, bildet dazu die perfekte Verbindung von Wort und Musik.

    Wendelinus Wurth liest auf seiner CD „drill di“ Haikus und streut dazwischen kurze Geschichten, die durch seine glänzende Beobachtungsgabe und seine variationsreiche Intonation den Hörer in Bann ziehen. Mit einem Wort, einem kurzen Satz gelingt es ihm, eine ganze Welt heraufzubeschwören. Man steht mitten in der Geschichte, lebt mit, er malt mit Worten, farbig, kräftig.

    • „drill di eifach rum
      wenn iwer diner eige
      schätte springe wotsch“

    • „kei moschee am ort
      do huckt muundsichel eifach
      uf de kirchturmspitz“

    Haiku, diese kurze japanische Gedichtform, in der nicht alles gesagt wird und deren Text sich erst im Erleben des Lesers vervollständigt, ist vielschichtig. Jeder Leser erlebt sie aus seiner eigenen Befindlichkeit. Wendelinus Wurth schafft es, dabei mit seinem Vortrag die unterschiedlichen Nuancen hörbar zu machen.

    Uli Führe nimmt die Vielschichtigkeit der Haikus auf und nutzt den Rhythmus der Sprache. Mit seinen beein-druckenden instrumentalen Möglichkeiten, bei denen er auch seine Stimme als vielseitiges Instrument einsetzt, schafft er einen Klangraum, der sich mit dem Inhalt der Gedichte zu einer Gesamtheit verdichtet. Stilistische Vielfalt begleitet die ganze CD und macht daraus eine eindrückliche und eigenständige künstlerische Leistung.
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