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'Die Birsstadt' Autor: Georges Bienz
Bearbeitet: 14.11.2007 durch HN
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Die Birsstadt: Sieben Gemeinden - eine Behauptung
Beilage zu "Hochparterre" Nr. 8/2007, reich bebildert, http://www.hochparterre.ch.

Die Idee heisst Birsstadt und das Sonderheft will sie bekannt machen. Es ist eine raumplanerische Idee. Die sechs basellandschaftlichen Gemeinden Birsfelden, Münchenstein, Reinach, Arlesheim, Aesch und Pfeffingen und das solothurnische Dornach sind baulich zusammengewachsen. Macht es noch Sinn, dass jede Gemeinde für sich plant?
Dieses Heft sagt: Nein. Es verdichtet die Idee zur Behauptung: Räumlich betrachtet, sind die sieben Gemeinden eine Stadt. Das Heft ruft diese Behauptung nicht nur aus, sondern belegt sie mit Texten und Fotografien.Die Birsstadt: Sieben Gemeinden – eine Behauptung. CHF 15.–
Einleitung:
(von Jürg Burkhardt)

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Die Schweizer Architekturzeitschrift "Hochparterre" stellte kürzlich ein Sonderheft mit dem Titel "Birsstadt, sieben Gemeinden und eine Behauptung"* vor. Darin wird angeregt, dass die Gemeinden des vorderen Birstales gemeinsam die Gestaltung des Lebens- und Wirtschaftsraumes an die Hand nehmen. Die Gemeinden Birsfelden, Münchenstein, Reinach, Arlesheim, Dornach, Aesch und Pfeffingen stellen räumlich betrachtet eine Stadt von 70'000 Einwohnern dar.
Vertreter des Amtes für Raumplanung stellen die These auf, dass eine politisch-administrative Strukturreform sinnvoll sein könnte. Es sollen in erster Linie die Bau- und Zonenplanungen abgestimmt werden. Man könnte gemeinsam die Wirtschaftsförderung stärken, auch die Erholungsgebiete dürften in Zukunft nicht mehr nur nach Gemeinde-internen Aspekten betrachtet werden; die Reinacher Heide könnte sich zum "Central Park" der Birsstadt entwickeln. Dazu müsste eine Steuerharmonisierung einhergehen, da zur Zeit grosse steuerliche Unterschiede bestehen. (Münchenstein 63% - Arlesheim 45%).
Nach der kürzlich zurückgetretenen Baudirektorin Elsbeth Schneider tönt es eher so, dass die angesprochenen Gemeinden eine gemeinsame Entwicklung unter Leitung des Kantons begrüssen würden, eine Fusion jedoch derzeit kein Thema sei.

In der Basellandschaftlichen Zeitung (vom 28.04.2007) wird vom bekannten Raumplaner Rolf M. Plattner zu diesem Thema festgestellt, dass in der Region noch kein Bewusstsein vorhanden sei, dass die Birstaler Gemeinden zusammen eine Stadt bilden könnten. Bis vor kurzem bezeichnete sich die grösste Gemeinde Reinach noch als "Kaff mit Pfiff"! Immerhin deute der neue Slogan auf eine gewisse Bewusstseinsveränderung hin: "Stadt vor der Stadt". Aber ein Alleingang bringe nichts, ein gemeinsames Vorgehen mache Sinn.
Die hervorragende Wohnqualität ist der Trumpf des Birstals.
Des weiteren erklärt er, dass sich die Stadt Basel zu einem solchen Projekt positiv einstellen sollte, denn ein Grossteil ihrer Arbeitnehmer lebt schon heute in dieser Gegend. JB



Gedanken
zu einem neuen, interessanten, aber auch heiklen Thema.
von Georges Bienz, Basel


Der anvisierte Raum liegt am südwestlichen Ende des Oberrheingrabens, zu welchem der Talboden der Birs und das Südende der Sundgauer Hügel (Bruderholz) gehören. Die südliche Begrenzung bildet die Blauenkette, die im Osten, in der Klus von Angenstein auf die Gempentafel stösst.

Dornach - Goetheanum

Von den sieben aufgeführten Gemeinden fällt eine, Dornach, als zu Solothurn gehörig, vorläufig ausser Betracht.
Eine zweite, Birsfelden, die 1875 wegen des Bahnbaus von Muttenz abgetrennt wurde, gehört als Fortsetzung von St. Alban-Vorstadt-Breite zur Rheintal-Achse.
Für die "Birsstadt" verbleiben also fünf, zwei östlich der Birs: Münchenstein (das auch mit einem neuen Teil auf die Westseite der Birs hinübergreift, was auch schon zu Spannungen zwischen den beiden ungleichen Brüdern geführt hat) und Arlesheim als Bezirkshauptort. Westlich der Birs folgen sich Reinach, Aesch und, angelehnt an den Blauen, Pfeffingen.

Damit haben wir die Frage der Fernverbindungen gestreift, die ja am Rheinknie wichtig sind. Wir haben bereits die Rheintal-Achse erwähnt, von welcher zwei linke Nebenflüsse, Ergolz und Sisseln, den Weg zu den Zentralalpen (Gotthard) und zu den Ostalpen (Bündner Pässe) darstellen. Zu den Westalpen war schon in römischer Zeit das Birstal wichtig. (Pierre Pertuis-Aventicum/Avenches-Martigny/Martinach-Grosser St. Bernhard)

Reinach

Drei Ortsnamen-Endungen zeugen von der Bedeutung des unteren Birstals für übergeordnete Mächte: die Römer, die Alemannen, die Franken.
In römischer Zeit war es Bestandteil der Civitas Augusta Raurica, wobei der erste Bestandteil auf die Bedeutung der Gründung des Munatius Plancus hinweist, der zweite auf den hier angesiedelten gallischen Stamm der Rauriker. Zwei Ortsnamen auf -acum deuten auf Villen, grosse Gutshöfe mit einer Bevölkerung eines kleineren Dorfes. Zur Kennzeichnung diente als Praefix der Name wohl des ersten Besitzers: Dornach - Reinach, fast einander gegenüber, mit fruchtbarem Boden. Varianten dieser Endung sind im südlichen Frankreich -ac (Cognac), in der Waadt -y (Martigny).
Den Vorstoss der Alemannen über den Rhein dokumentieren Namen auf -ingen, so Geckingen, das später nach ihren Besitzern, dem Adelsgeschlecht der Münche, Münchenstein genannt wurde. Sie erbauten eine Burg, ein steinernes Haus, das mit zwei Mauern mit einem zweigassigen und zweitorigen Städtchen auf der Geländestufe errichtet wurde, die bei Dornach noch viel breiter ist. Kein Wunder, dass hier der Rebbau einst eine bedeutende Rolle spielte! Pfeffingen am Fusse des Blauen hat zwar auch eine beachtenswerte Burgruine, die aber gegen Süden gerichtet ist, mit dem Flankenschutz für Angenstein und dem schon in gallo-römischer Zeit begangenen Plattenpass in Verbindung zu bringen ist; die Platten hat man leider später anderweitig verwendet.
Auch die Franken hatten schon früh Interesse am Juranordfuss, was Arlesheim bezeugt, das ein Jahrhundert nach der Reformation Sitz des Domkapitels wurde. Die Domherren waren zuerst nach Freiburg im Breisgau übersiedelt, woran noch heute der "Baslerhof" erinnert. Im Birstal waren sie näher an den Zinsen aus den sundgauischen Gütern und näher an der geistigen Nahrung, welche seit 1460 die Basler Universität vermittelte. Der Domplatz mit der imposanten Kirche und den beidseits aufgereihten Domherrenhäusern erinnert an die Stadtgründung von Papst Julius II., Piccolomini, im toskanischen Corsignano, das, in Piacenza umgetauft, den Kern einer Musterstadt der Renaissance vorweist. Ganz so ausgefallen war die Idee des Domkapitels nicht, war doch Pius II., Spross einer Sieneser Familie, mehrere Jahre als Sekretär eines Kardinals am Basler Konzil!
Auch Dornach hat zwei Teile: das Dorf auf der hier noch breiten Hangleiste des Gempenplateaus und der Brückenkopf an der Birs mit seinem Kapuziner-Kloster, eine Siedlung, welche den Weg zu den solothurnischen Exklaven am Blauen-Nordfuss sichern sollte.

Aesch - Hauptstrasse

Wir sehen, die "Birsstadt" hat interessante Vorläufer, aber nur auf der rechten Seite des Flusses. Nach dem Ersten und besonders dem Zweiten Weltkrieg ist, verstreut über das ganze Areal, ein weiteres dazugekommen: die Zuwanderer, vor allem aus Basel. Die "Exilbasler", die aus den verschiedensten Gründen sich birstalaufwärts, sogar über den Angenstein hinaus, niedergelassen haben. Es gab schon vor der Französischen Revolution im Umkreis von Basel Landhäuser, oft mit Landwirtschaftsbetrieben, die dann zur sömmerlichen Selbstversorgung dienten. Schon die Römer kannten dieses System; die Florentiner perfektionierten es, indem z.B. architektonische Schmuckstücke entstanden. Sie dienten ausserdem als Refugien, falls ihnen die politische Luft in der Stadt zu heiss wurde.

Die stete Zuwanderung spiegelt sich auch in der Ausweitung der Agglomeration, nicht nur im Birstal, sondern im ganzen, auch im ausländischen Umland, wobei man von einem inneren und einem äusseren Gürtel sprechen kann. In Zürich hat man zwischen den beiden Kriegen den inneren weitgehend eingemeindet, Basel auch - mit der dritten Landgemeinde, dem Fischerdorf Kleinhüningen!

Es gab und gibt auch eine gegenläufige Bewegung, vom Land in die Stadt, so im Mittelalter, wo der Adel rings um die Stadt den Fernverkehr störte und deshalb zum Umzug in die Stadt gezwungen wurde und sich dann dort
zur staatstragenden Kraft entwickelte (Bern) oder wo der Bischof sie in seine Dienste nahm und ein Erdbeben ihre Burgen zerstörte (Basel). Heute sind es oft ältere Leute, denen die bequem erreichbaren Dienstleistungen der Stadt auf dem Land fehlen.

Birslauf

Schon unterhalb der Nepomuk-Brücke in Dornach beginnt wieder die Nutzung der Wasserkraft der Birs und endet im St. Alban-Teich. So ist es nicht
verwunderlich, dass erste Industrien sich in der Nähe des Flusses ansiedelten. Damit kam ein neues soziales Element in die Bevölkerungsstruktur: der Arbeiter. Das hatte ähnliche Folgen wie die Präsenz einer katholischen
Bevölkerung in den ehemals fürstbischöflichen Gemeinden Arlesheim, Reinach, Aesch und Pfeffingen, sowohl für den 1815 neu geschaffenen Bezirk als auch für den ganzen Kanton: Erstarkung der sich im 19. Jahrhundert
bildenden Parteien der Arbeiter und Katholiken, der heutigen SP und CVP.

Auch von der Stadt und dem nahen Sundgau her gewann das Niederalemannische an Einfluss. Basel ist mit seinem "Dytsch", zusammen mit dem Sundgau die südlichste Variante dieses Dialektes. Das "Flaggschiff"
gegenüber dem Hochalemannischen im oberen Kantonsteil ist der Wandel von k zu ch (Kind zu Chind).

Das auf der Karte so geschlossen wirkende untere Birstal ist bei genauerem Hinsehen ein recht komplexes Wesen. Nur eine Gemeinde hat ein die Birs überschreitendes Territorium: Münchenstein, das damit
logischerweise von beiden BLT-Tramlinien bedient wird. Das zu den baslerischen Vorwehren gehörende Städtchen hat erst in den beiden letzten Jahrhunderten eine Ausweitung nach Westen erfahren, wobei Alt- und Neu-Münchenstein nicht immer in inniger Freundschaft lebten!

Unbestritten ist, dass in vielen Bereichen eine Zusammenarbeit wünschbar, ja dringend ist, primär kantonsintern, wenn möglich auch kantonsextern. Die Fachleute, Männer und Frauen, sind in der "Raumplanung beider Basel", sinnvollerweise gegenüber dem Kantonsspital (mit Notfallstation!). Es wäre auch denkbar, dass man sich im benachbarten Elsass erkundigte, wie die "Communauté de Communes des Trois Frontières" funktioniert, in deren System vielleicht auch Dornach Platz hätte.

Bleibt eine Radikalkur: die Teilung des Bezirkes Arlesheim, der mehr Einwohner hat als die vier anderen zusammen. Ich denke an Birstal/Birseck (mit Zentrum Arlesheim oder Reinach) und an Birsigtal/Leimental (mit Zentrum Oberwil). Dabei würde dem Bezirk vermehrte Autonomie und Bürgernähe gesichert. Er erhielte ein beratendes Gremium, das über Gelder und Pläne in seinem Gebiet zu befinden hätte, eine fünfköpfige Exekutive, die für den Kontakt mit der Kantonsregierung und den angrenzenden Bezirken und natürlich auch für die Durchführung der Beschlüsse zuständig wäre. Das Projekt ginge in Richtung "Subsidiarität".

Pfeffingen

Und das Leimental? Das Bruderholz ist nicht weniger trennend als die Blauenkette oder das Gempenplateau. Man denke an die Diskussion um die "Südumfahrung", welche auf eine bessere Verbindung der beiden Teile des heutigen Bezirkes Arlesheim zielt. Historisch haben die beiden Täler gewisse Gemeinsamkeiten, aber der Wiener Kongress hat dem Leimental ein Anhängsel belassen: den Ausgang des Lertzbachtales mit den Gemeinden Allschwil und Schönenbuch. Im Gegensatz zum Birsig versickert der Bach im Schotter und speist wie die nördlichen Gewässer das Grundwasser. Bis zur Französischen Revolution gehörte Oberwil zum Fürstbistum Basel, Binningen, Bottmingen und Biel-Benken waren stadtbaslerisch. So baute man eine Umfahrungsstrasse, die auch heute noch gerne befahren wird, weil sie eine reizvolle Sundgauer Landschaft durchquert.
Diese Hinweise müssen genügen, dass man auch an die westliche Hälfte des Geschenkes denken muss, welches der Wiener Kongress 1815 dem Kanton Basel machte. Auch hier gäbe es die Möglichkeit, die solothurnischen Exklaven in eine "Communauté" einzubringen.

Nach den statistischen Angaben des Kantons Basel-Landschaft beträgt die Einwohnerzahl der Birstaler Gemeinden ohne Birsfelden: 51'040, mit Birsfelden: 61404, das Leimental von Binningen bis Biel-Benken resp. bis Ettingen zählt 47'318 Einwohner. (Zahlen des Jahres 2006) JB


Therwil, 12. September 2007/JB
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