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Zweisprachigkeit im Elsass – „Das grosse Anliegen der Region“ Autor: Elsass-Freunde
Bearbeitet: 13.11.2007 durch HN
Übersetzungen und Kommentare von Hans-Jörg Renk, Riehen

Wir haben in der letzten Ausgabe der Elsass-Gazette (Nr. 95, S. 33-35) anhand eines offenen Briefes einer Reihe namhafter Persönlichkeiten des kulturellen und politischen Lebens an den Rektor der Akademie von Strassburg auf das Problem der Zweisprachigkeit im Elsass aufmerksam gemacht, die nach Ansicht der Unterzeichner dieses Briefes von den für die Erziehung verantwortlichen Behörden des Zentralstaates vernachlässigt wird. Es scheint, dass dieser Appell ohne nennenswertes Echo von Seiten des Rektorats geblieben ist. Dennoch – oder gerade deswegen – haben die Initianten des Briefes und die von ihnen vertretenen Vereinigungen, unterstützt von zusätzlichen Persönlichkeiten, einen neuen Anlauf unternommen, diesmal in einem Schreiben an den Präsidenten des Regionalrates der Région Alsace, Adrien Zeller, den wir unten in gekürzter Form in deutscher Übersetzung veröffentlichen.
Um zu zeigen, dass es sich bei diesen Aufrufen nicht um isolierte Aktionen handelt, folgen zusammenfassende Übersetzungen einiger weiterer Dokumente zu diesem Thema:
  • Ein Aufruf, der von rund vierzig Elsässer Künstlern, Schriftstellern und anderen Kulturschaffenden, u.a. dem bekannten Schriftsteller André Weckmann, unterzeichnet wurde;
  • Eine Motion, die die Generalversammlung des Vereins „Heimetsproch un Tradition“ Ende März in Schlettstadt verabschiedete;
  • Ein Appell zur Erhaltung des in ganz Südfrankreich verbreiteten Okzitanischen, einer der beiden „Urformen“ des heutigen Französisch (die „Langue d’oc“im Süden, die „Langue d’oïl“ im Norden).
    Die Forderungen dieses Appells entsprechen fast wörtlich denjenigen aus dem Elsass, die Lage scheint also in beiden Regionen ähnlich zu sein. Besser geht es offenbar den sprachlichen Minderheiten im französischen Baskenland, in der Bretagne und in Korsika; jedenfalls wird die dortige Sprachenpolitik in allen drei folgenden Dokumenten aus dem Elsass als nachahmenswertes Vorbild bezeichnet.*
    Dabei gilt es allerdings zu berücksichtigen, dass beim kulturellen und historischen Hintergrund in allen diesen Fällen grosse Unterschiede bestehen.
  • Ein Artikel aus der „Alsace“, der sich mit der Schreibweise der Elsässer Dialekte befasst.*
  • Allerdings werden wir Ihnen diese reiche Ausbeute an inhaltlich zusammenhängenden Artikeln in homöopathischer Dosierung weiterleiten, damit wir auch noch für andere, vielleicht amüsantere Artikel Platz finden. Die mit einem * bezeichneten Artikel werden also in einer der nächsten Nummern erscheinen.

  • Brief an den Präsidenten des Regionalrates der Région Alsace, Adrien Zeller, vom 4. Januar 2007
    Die Vereinigungen für die regionale Sprache und Kultur des Elsass sind wegen der äussert minimalistischen Vorschläge der Akademie von Strassburg für die künftige Konvention über den Unterricht in der Regionalsprache im Elsass beunruhigt.
    Die drei vergangenen Jahre waren durch einen ausgesprochenen schlechten Willen der Dienste der „Education nationale“ gekennzeichnet, mit dem geringsten Fortschritt beim zweisprachigen Unterricht seit 1992, viel geringer als in der Bretagne, im Baskenland und in Korsika. Der Entwurf für eine neue Konvention nähert sich zwar den Vorschlägen an, wie sie in Korsika und im Baskenland durch die Volksvertretungen ausgearbeitet und durch die Akademien genehmigt wurden. Angesichts der wirtschaftlichen, kulturellen, gesellschaftlichen und menschlichen Bedeutung seiner Regionalsprache für das Elsass, muss die künftige Konvention jedoch über die Texte der beiden genannten Regionen hinausgehen. Die Konvention betrifft alle Bewohner des Elsass, ungeachtet ihrer Herkunft und ihres Wohnortes.
    Daher muss die zweisprachige Erziehung allen offen stehen, um das Prinzip der Gleichheit im Zugang zur Bildung zu bewahren. Sie ist die einzige Möglichkeit, der Regionalsprache, der Beschäftigung und unserer Wirtschaft eine Zukunft zu sichern.
    Diese Zukunft ist heute schwerwiegend in Frage gestellt, nicht zuletzt wegen der Weigerung der Akademie, eine wirkliche Rekrutierungs- und Ausbildungspolitik für Lehrer im Hinblick auf den zweisprachigen Unterricht in der 1. und 2. Klasse durchzuführen. Das Resultat ist, dass sich der dramatische Rückgang der Beherrschung des Elsässerditsch und des Schriftdeutschen beschleunigt und mehr und mehr Jugendliche einsprachig sind, d.h. oft künftige Arbeitslose oder schlecht bezahlte Lohnempfänger. Jedes Jahr gehen mehr als 15'000 zweisprachige Elsässer in Pension. Sie werden durch weniger als 1000 Junge ersetzt, die noch eine aktive Kenntnis des Dialekts und/oder des Deutschen haben. In Zukunft wird der zweisprachige Unterricht nur 6 bis 7% einer Altersklasse erfassen. Nur 2 oder 3% der Kinder unter zehn Jahren sind noch im Dialekt aufgewachsen, die Weitergabe des Dialekts in den Familien ist seit langem nicht mehr gewährleistet. Aber: ‚Man kann die Zweisprachigkeit wieder aufbauen, man muss es nur wollen’ (André Klein, L’Alsace, 30.12. 2006.) Die Unterzeichner wären dankbar, wenn sie die Zusicherung erhielten, dass die neue Konvention das Elsass auf die gleiche Stufe erhebt wie die entsprechenden Texte im Baskenland und in Korsika.“

    Gérard Cronenberger, Präsident der Association des élus du Haut-Rhin pour la langue et la culture régionales;
    Henri Goetschy, 1. Vize-Präsident des Haut Conseil national des langues régionales de France; (Fördermitglied der E-F)
    Christian Huber, Kinderarzt in Mülhausen;
    Marcel Schwander, ehemaliger Konsul von Frankreich;
    Pierre Klein, Präsident der Société des Amis de la Culture bilingue en Alsace;
    Henri Scherb, Präsident von Heimetsproch un Tradition*;
    Eric Straumann, Präsident des Comité Fédéral des Associations pour la Langue et la Culture Régionales d’Alsace et de Moselle;
    Philippe Elsass, Präsident von Ritte, Ritte, Ross;
    Richard Weiss, Präsident und Gründer von ABCM-Zweisprachigkeit;
    François Schaffner, Präsident von Culture et Bilinguisme/René Schickele-Gesellschaft*
    (Quelle: Bilinguisme en Alsace)
    * Diese beiden Vereinigungen sind bei den E-F als Mitglied auf Gegenseitigkeiteingetragen.

  • Aufruf der Künstler, Schriftsteller und Kulturschaffenden aus dem Elsass
    (ohne Datum)
    Wir stellen fest, dass sich das sich das Elsass dramatisch banalisiert, es verliert seine Eigenart, die sich in seiner Sprache, seiner Doppelkultur, seinen religiösen und weltlichen Traditionen, seiner Lebenskunst, seiner Dynamik, seinem Unternehmergeist, seiner Kreativität und seinen Ambitionen ausdrückt. Die Rettung der zweisprachigen Bestimmung unserer Region ist für die Entwicklung einer lebendigen Kultur, die Wiederbelebung einer dynamischen, auf Kreativität und Erfindergeist beruhenden Wirtschaft und für die Ausstrahlung des Elsass in Europa unverzichtbar. Die regionale Sprache befindet sich in einer kritischen Lage. Ihre Zukunft ist in Frage gestellt. Nur eine globale Sprachenpolitik, die alle Aspekte des öffentlichen Lebens umfasst, kann ihren Fortbestand in ihren beiden Ausdrucksformen (Dialekt und Schriftdeutsch) sichern. Sie ist der Schlüssel zu unserer wirtschaftlichen, kulturellen und menschlichen Öffnung gegenüber Europa. Ein entscheidendes, jedoch nicht ausreichendes Element einer solchen Politik ist der zweisprachige Unterricht. Seine Wirksamkeit ist anerkannt, vor allem im Hinblick auf die Erhaltung der alemannischen Dialekte im Elsass. In diesem Bereich sprechen die Resultate der zweisprachigen Klassen, in welchen die Interaktivität zwischen dem Standard-Deutsch und dem Dialekt praktiziert werden kann, für sich. Man muss entschlossen und sehr rasch einen zweisprachigen Unterricht mit gleicher Stundenzahl in jeder Schule vom Kindergarten bis zur Matur anbieten, und zwar allen Familien, die dies wünschen. Korsika, das französische Baskenland und andere Regionen haben bereits ein sehr dichtes Netzwerk von zweisprachigem Unterricht aufgebaut, das bis 2012 auf alle Schulen ausgedehnt werden soll. Wir sollten uns für unsere Kinder, unsere Kultur und unser Land nicht mit weniger begnügen. Dafür ist eine begleitende Politik – ausserhalb der Schule – im gesamten gesellschaftlichen Leben notwendig, um diese Anstrengung für unsere Sprache zu vervollständigen, in ihren beiden Ausdrucksformen, die sich gegenseitig ergänzen. Die Sprache ist Sache der Region. Zu viel Zeit ging schon verloren. Wir, die wir im literarischen, künstlerischen und kulturellen Leben des Elsass engagiert sind, unterzeichen diesen Aufruf, damit der Unterricht in der Regionalsprache möglichst rasch umgesetzt wird, unter aktiver Mitwirkung der Akademie von Strassburg.
  • Motion von „Heimetsproch un Tradition“vom 24. März 2007
    Die Generalversammlung der Vereinigung „Heimetsproch un Tradition“ vom 24. März 2007 in Schlettstadt appelliert nachdrücklich an alle gewählten Vertreter des Elsass, unverzüglich alles zu unternehmen, um aus der Zweisprachigkeit des Elsass die Priorität ihrer politischen Aktion zu machen. Immer zahlreicher erheben sich allenthalben die Stimmen, die eine starke und nachhaltige Wiederbelebung der Zweisprachigkeit verlangen, um den Mangel an deutscher Sprachkompetenz der Elsässer zu beheben, der zu grosser Beunruhigung für die regionale Wirtschaft Anlass gibt. 50% der im privaten Sektor im Elsass Beschäftigten benötigen Deutsch in ihrem Tätigkeitsbereich; der Rückgang der deutschen Sprachkenntnisse ist einer der Gründe für die Arbeitslosigkeit in der Region. Im Bewusstsein der kulturellen Verarmung einer Region durch den Verlust ihrer Sprache haben andere Regionen Frankreichs wie das Baskenland, Korsika, die Bretagne und Okzitanien eine wagemutige Politik der Zweisprachigkeit eingeschlagen. Der Niedergang der Regionalsprachen scheint gestoppt zu sein: im Baskenland sind zwei- oder gar dreisprachige Wegweiser die Norm. 50% der Primarklassen bieten einen zweisprachigen Unterricht an. In Korsika sind 50% der Lehrer für den zweisprachigen Unterricht ausgebildet, der im Kindergarten allgemein eingeführt werden soll. Auf der Insel werden zudem täglich mehrere Stunden Fernsehprogramme in korsischer Sprache ausgestrahlt. In der Bretagne ist die Anzahl der Jungen, die sich auf Bretonisch ausdrücken, im Steigen; die Sprache wird von der Region als offizielle Sprache neben dem Französischen anerkannt. Im Moment, wo im Elsass eine neue Konvention zwischen dem Zentralstaat, der Region und den beiden Départements in Ausarbeitung ist, fordern wir alle gewählten Volksvertreter auf, die Zweisprachigkeit zum „Grossen Anliegen der Region“ zu erklären und für eine rasche und nachhaltige Verallgemeinerung des zweisprachigen Unterrichts zu sorgen, im Elsass eine durchgehende zweisprachige Beschriftung zu entwickeln und ein Fernsehprogramm zu schaffen oder zu unterstützen, das täglich während mehrerer Stunden in der regionalen Sprache sendet.

    (Mitgeteilt von „Heimetsproch un Tradition“)
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