, Ruedi Schenker/hn

Prometheus und die Kulinarik

Hier macht Ruedi Schenker eine interessante Verbindung zwischen der alten griechischen Mythologie und unserer Kultur des gemeinsamen Essens und Geniessens.

Gehe ich in ein Gutes Restaurant, erscheint mir Prometheus im Geiste. Wie das? Meister Pascal (u.a. Erfinder der Rechenmaschine) rief schon im 17. Jahrhundert: „Abêtissez-vous!“. Mit dieser Forderung, sich zu ent-tieren, steht er in Relation zum Prometheus-Mythos.

Prometheus wurde von Zeus an einen Felsen geschmiedet und nachts musste erst noch ein Adler seine täglich nachwachsende Leber wegfressen, weil er den Menschen den Tierverstand genommen und den Menschenverstand gegeben hat.
Aber in diesem Mythos geht es auch um Kulinarik. Prometheus lehrte die Menschen Feuer zu machen, zeigte ihnen, wozu Gefässe über dem Feuer dienen, wie Fleisch durch Räuchern und Kochen und Braten verfeinert und haltbar gemacht werden kann. Also nicht fressen wie Tiere – sondern das mit Verstand Zubereitete in Gemeinschaft verspeisen – mit Besteck und Teller und Wein... Prometheus prophezeite dem sexuell sehr aktiven Obergott Zeus auch, dass er einen Sohn zeugen werde, der ihn entmachten werde...
Prometheus, von Goethe und Marx als Rebell verehrt, ist DER Menschenfreund, der das Paradies als gefüllte Speisekammer den Menschen – wieder – geben wollte. E Guete!

Rudolf Schenker 

 

Ruedi Schenker, schreibbereit am Literarischen Abend. 

 

Hier weitere Texte von Ruedi: 

 

Ein Vogel pfiff im Walde

Ein Vogel pfiff im Walde   
des morgens auf dem Baum, 
als dröhnend Fäller mit Maschinen
dem Baum die Höhe nahmen.
Gleich war der Baum entrindet
und flugs in die Fabrik gebracht,
wo Holz in Flüssigmasse
zu Papier gepresst und aufgerollt.
Dann ab zur Druckerei des Abendblatts,
wo gleich darauf gedruckt der Welt Geschichte.
Wie schnell verhallt auf Baum Gesang –
Wie schnell verbrennt papiern verbuchstabierter Menschengang –
Ist das die Republik der Menschen, Tiere, Pflanzen ?
 
 
 

Im Emmental 

Im Emmental vor hundert Jahren pflegten ein Schreiner und ein Bauer gute Nachbarschaft.
Da starb des Bauers Frau.
Der Schreiner machte einen Kondolenzbesuch und fragte, was für einen Sarg er zimmern solle.
Der Bauer sagte, „Ich mache immer den Stall, für solche Fragen ist meine Frau zuständig.“

 

To be or not to be oder die Furcht vor Futur II

Mauserich und Mauseline trafen sich und wurden vom Liebestrieb übermannt.
Dann sprach er: „Ach – war das...“
                        – fiel sie ihm ins Wort: „... hoffentlich nicht für die Katz.“

 

Traurige Geschichte

Da sah ich einen Toten im Sarg.
Das ist so traurig, dass ich nicht weiter erzählen will.

 

Was ist Tragik?

Der einzige Besitz des armen Mannes war eine zerlauste Hose.
Unter einem Baum zog er die Kordel, die die Hose am schmalen Bauch festhielt,
heraus, um sich zu erhängen. Die Hose fiel – und er vergass, was er vorhatte... 

 

Zeit und Zeiten

Sitze im Lehnstuhl. Lese. Die Katze springt auf meinen Schoss, schiebt das Buch weg.
Kennt meine Katze Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft? Oder weiss sie bloss, wo was  ist?  In blosser Gegenwart.
Vergangenheit gibt es doch bloss, indem sie erzählt wird. Sonst ist es.
Vergangenheit also gibt es in der Zukunft einer Erzählung.
Ja klar, da war Nacht, die den Tag gebar.
       Oder umgekehrt?
               Soll mir jemand erklären, was Zeit ist.
 
 

Rudolf Schenker