Alemannisch an de Stroßburger Uni
Alemannisch an de Stroßburger Uni
Erfahrungsbericht von Carola Horstmann
Die Einladung an die Uni Straßburg, genauer gesagt an das dortige germanistische Institut hat mich erst einmal sehr überrascht. Ich solle aus meinen alemannischen Texten lesen, hieß es, und anschließend mit den Studenten ins Gespräch kommen. Die Kosten trage der DAAD (Deutscher akademischer Austauschdienst).
Aufmerksam geworden auf mich war Lectrice Laura Kohn über die Seite unsere Muetterschprochgsellschaft im Internet. Sie selbst stammt aus Vörstetten (ich hatte mich sofort über ihr perfektes Deutsch gewundert) und kam im Rahmen eines internationalen Austauschs von Studierenden, Forschenden und Lehrenden nach Straßburg.
Der Kurs, den sie anbietet, heißt übersetzt „Varietäten und Entwicklung der modernen deutschen und französischen Sprache“. Ein Dialekt ist eine solche regionale Varietät, und davon soll es an diesem Nachmittag zweierlei geben: Meine hochalemannische Lesung und dann das Elsässische in Form eines Referats, gehalten von einer Germanistikstudentin im 3. Jahr ihres Bachelor-Studiums, Odilia Montag.
Ich hatte im Vorfeld drei alemannische Gedichte und Texte per Mail geschickt. Im Gepäck hatte ich außerdem die Erzählung „Rosetta un de Brummer“, die im neuen Kindergeschichten-Buch der Muettersproch-Gsellschaft abgedruckt ist. Wer noch dabei war: Mein Mann. Nicht nur als Chauffeur, sondern als Vorleser: Wir lasen das hochdeutsch-alemannische Kinderbuch „Rosetta“ im Wechsel vor, untermalt von meinen Illustrationen, die mittels eines Beamers an die Wand geworfen wurden.
Es war eine kleine Gruppe von Studenten, die auf die Gedichte zunächst verhalten reagierte, und meine Befürchtung, dass sie mich überhaupt nicht verstehen, schien nicht ganz abwegig, da das Deutsch-Niveau wohl recht unterschiedlich war, wie ich später erfuhr. Glücklicherweise konnte eine deutsche Studentin meinen „Rosetta un de Brummer“-Text perfekt nacherzählen – auf Hochdeutsch. Das hat mich wieder beruhigt und natürlich gefreut, und am Ende der Demonstration vom Spinnlikind Rosetta gab es sogar Beifall.
Vor meinem letzten alemannischen Text ging ich noch auf Fragen der Studenten ein, die mir davor zugeschickt worden waren. Diese zeigten, dass sie sich gründlich mit mir und meinem Schreiben beschäftigt hatten; es wurde nach einer Verbindung zwischen Poesie und Musik gefragt, nach der Emotionalität des Dialekts, nach der gesellschaftlichen Anerkennung und anderes mehr. Es waren alles gute Fragen; etwasmehr Austausch wäre trotzdem schön gewesen.
Nach einer Pause (in der ich heimlich hoffte, dass einer der Anwesenden vielleicht in meinen ausgelegten Büchern blättern würde), folgte das sehr temperamentvoll gehaltene und digital unterstützte Referat über die Entstehung, Geschichte und regionale Ausprägung des elsässischen Dialekts; witzige grafische Einschübe sorgten für Unterhaltung und einen Wettbewerb zwischen den Studenten, die sich eingeloggt hatten. Jeder war mit Namen sichtbar gemacht und konnte mit richtigen Antworten punkten. Das Statement am Schluss machte klar: Odilia Montag ist Vollblut-Elsässerin und stolz auf ihren Dialekt, der in vielem lebe, er werde in Kindergärten angeboten, in Schulen, dazu auch in Mundart-Theaterstücken, gespielt von jungen Menschen. Zuletzt erging von ihr das Angebot, sich von dem mitgebrachten elsässischen Gugelhupf zu nehmen, der zusammen mit anderen elsässischen Spezialitäten, die einen wichtigen Teil des regionalen Kulturgutesdarstellen, auf einem Tisch präsentiert wurde.
Dieser Stolz auf den eigenen Dialekt, auf die heimatliche Region machte mich neidisch und auch ein wenig traurig. Wo war unser Stolz geblieben? Ein weiterer Ausspruch von Odilia beschäftigt mich ebenfalls seither. Das Elsässische sei eine Volkssprache, stellte sie entschieden fest. Meint sie damit das „einfache“ Volk? Im Elsass, das so oft seine staatliche Zugehörigkeit wechselte, ist damit wohl mehr gemeint als nur eine Definition von oben und unten. Es ist die gesprochene Sprache, die, unabhängig von der jeweiligen politischen Führung, bis heute als etwas ganz Eigenes und Einmaliges gilt, ein kultureller Schatz, der mit viel Engagement vor dem Aussterben bewahrt werden soll. Von der Verzagtheit, die sich gerne unter uns Muetterschpröchlern breit macht, war jedenfalls nichts zu spüren.
Für mich war die Begegnung mit dem Elsässischen noch aus einem besonderen Grund Anlass zur Freude. Die Familie meines Vaters hatte bis 1918 in Hüningen gelebt und war nach dem 1. Weltkrieg ins badische Schopfheim gezogen. Bei späteren Treffen der sieben Brüder waren häufig elsässische Klänge in meine Kinderohren geflossen, es ging laut und lustig zu, und ich lernte diese singende Sprache zu lieben. Heute denke ich, dass da immer auch ein wenig Heimweh mit dabei gewesen sein wird bei diesem Zelebrieren des Elsässischen.Es war die Sprache ihrer Kindheit.
Straßburg hatte sich an diesem 5. März von seiner schönsten Seite gezeigt. Wir tranken am frühen Nachmittag einen Kaffee in unmittelbarer Nähe des Münsters, die Sonne schien, Touristen aus aller Herren Länder zogen an uns vorbei. Wer auch vorbei ging, langsamen Schrittes, die Maschinenpistole quer über der Brust, waren patrouillierende Soldaten. Es war wie eine Mahnung. Die perfekte Idylle – es gibt sie nicht. Nirgendwo.
Carola Horstmann